Wiederentdeckt wurde er eigentlich durch Zufall. "Im Zuge" der Bach-Renaissance wurde auch jener Mann interessant, dessen Orchesterwerke Bach für die Orgel übertrug; Antonio Vivaldi. Mit rund 400 Concerti grossi, etwa 40 Opern, 50 Kantaten und 50 Sonaten war er einer der Produktivsten seiner Zeit. Wird ein solcher Künstler interessanter, weil sich sein Geburtstag zum 300. Mal jährt? Hat sich, seit man seiner erneut gewahr wurde, das Bild verändert? Werden seine Kompositionen heute anders gespielt als vor 30, 50, 100 Jahren? So starke Unterschiede, wie sie etwa das Oeuvre Bachs hinnehmen muß zwischen Nicolaus Harnoncourt und Herbert von Karajan, dem Collegium aureum und Leonard Bernstein, passieren bei Vivaldi nicht. Seine Concerti grossi, die im Grunde anzeigen, wie gut man vor 300 Jahren Geige spielen können mußte, um wer zu sein, verlangen auch heute noch dieses Können, kaum viel mehr, aber auch nicht weniger. Daß I Musici di Roma diesen Standard repräsentieren, weiß man, seit sich das Ensemble 1952 konstituierte. Ihre im Laufe der letzten fünfzehn Jahre gehäuften, gleichviel immer noch mustergültigen Einspielungen bilden das Grundgerüst jener Zehn-Kassetten-Edition, die Phonogramm zum Jubiläum herausbringt 49 Platten für rund 500 Mark (76 68 007-016). Im Wettlauf der Systeme liegt dieses Ensemble ziemlich weit vorn, durch die Homogenität des Klanges, durch die Mühelosigkeit, mit der diese Klangsynthese offenbar erreicht ist, und durch die unkomplizierte Frische, mit der hier musiziert wird, mit Perfektion, aber nie mit falschem Tiefsinn.

Auch die Konkurrenz ist wach: Erato/RCA bringt soeben die (eigentlich. fünfstündige) "Orlando Furioso" gekürzt heraus, Musik zwischen blanker höfischer Unterhaltung und musikdramatischer Interpretation des Schicksalseines Irren. Die Solisti Veneti unter Claudio Scimone sind den römischen Musici durchaus ebenbürtig, und im Vokal-Ensemble glänzen Belcanto-Stars wie Marilyn Home und Victoria de los Angeles. Dennoch: daß Vivaldis Opernwerke so total der Vergessenheit zum Opfer fielen, ist, nach den Jubiläumsveröffentlichungen, so unverständlich nicht mehr. Der Meister hat doch eine ganze Menge Noten, und nicht nur aufregende, geschrieben. Heinz Josef Herbort