In der Fraktion hat er festen Fuß gefaßt – Das bekommt auch Strauß zu spüren

Von Carl-Christian Kaiser

Am Donnerstag vergangener Woche, bei der Bundestagsdebatte über die Neutronenwaffe, hat sich Helmut Kohl aufs neue so präsentiert, wie er sich und seine Rolle versteht: Als Mann, der mit vollen Backen die Oppositionsfanfare bläst, aber nicht so, daß darüber alles zusammenstürzt. An kräftigen Tönen gegenüber der Regierung fehlte es nicht. Doch der weitere Dialog zwischen Opposition und Regierungslager über das heikle Neutronenthema ist deshalb nicht zuschanden geworden – auch deshalb nicht, weil Kohl ebenso seinem dritten Charakteristikum treu blieb: dem Generalisten. Zu den vertrackten Einzelproblemen der Sache sagte er kaum ein Wort.

Die Unionsfraktion, die eifrig die Hände rührte, war allem Anschein nach zufrieden; wie sie denn überhaupt ihren Vorsitzenden nicht mehr mit zugekniffenen Augen betrachtet, sondern ihn in wachsendem Maße zu respektieren beginnt. Helmut Kohl hat an Boden gewonnen, fast unmerklich, aber beständig. In den Fraktionssitzungen blickt er nicht mehr in viele leere oder gleichgültige Gesichter. Das wirkt, auf ihn, dessen äußerliche Robustheit, wie so oft, über seine verletzliche Sensibilität hinwegtäuschen kann, unmittelbar zurück: Seine anfangs fast fahrige Emsigkeit, seine häufig zu aufgesetzt wirkende gute Laune, das wie zu einer Maske erstarrte grimmassierende und besserwisserische Lächeln, das er bei Plenardebatten zeigte, beginnen einem Habitus zu weichen, der mehr Ruhe und Ausgeglichenheit anzeigt. War er ehedem kaum mehr als "der Kohl", der wohl oder übel an der Fraktionsspitze stand, so wird er nun zum Vorsitzenden aus eigenem Recht und mit eigener Statur. In der Fraktion, zumindest in ihrem christlich-demokratischen Teil, bezweifeln das immer weniger.

Nützliche "Gesindepflege"

Sein unbestritten immenser Fleiß allein langt als Erklärung keineswegs aus, auch nicht sein Gespür für Machtfragen, das ihm viele attestieren. Schließlich nützen solche Talente wenig, wenn in der Fraktion dafür Resonanzboden und Gefolgsleute fehlen. Vielmehr wendet Kohl, wie weiland schon in Mainz, auch in Bonn eine Gewohnheit und Charaktereigenschaft an, die Spötter gern "Gesindepflege" nennen. Ursprünglich sei er, so einer seiner Mitarbeiter, in der skeptischen Fraktion herumgerudert wie auf einem Sumpf. Inzwischen aber habe er ihn durch "intensiven Pfahlbau" zu kultivieren begonnen.

Tatsächlich muß sich Kohl nicht mehr nur auf jenes Trio stützen, das lange Zeit allein aus Philipp Jenninger, dem wichtigsten und in seiner barocken Natur Kohl verwandten Geschäftsführer der Fraktion, aus Horst Teltschik, dem aus Mainz mitgebrachten politischen Referenten, und aus Eduard Ackermann, dem aus ungezählten Legislaturperioden eingefuchsten Pressesprecher der Fraktion, bestand. Abgesehen davon, daß sich zumal jene 40 bis 50 aus der gleichen Generation wie Kohl stammenden Abgeordneten zu seinem potentiellen Anhang rechnen lassen, hat er in aller Stille einige seiner Leute in einflußreiche Positionen geschleust. Das gilt etwa für Heinz Eyrich, den neuen Vorsitzenden des Fraktionsarbeitskreises für Innen- und Rechtspolitik, für Heinrich Franke, neu an der Spitze des Arbeitskreises für Sozial- und Gesellschaftspolitik, oder für Gerhard Kunz als zusätzlichen parlamentarischen Geschäftsführer.