Das undankbare Los, Ehefrau eines Diplomaten zu sein

Von Nina Grunenberg

Hans-Joachim Vergau ist 42 Jahre alt, fünfter Mann in der New Yorker UN-Mission und steht bei seinen jüngeren Kollegen in Verdacht, den Marschallstab im Tornister zu tragen. Von den drei großen G’s, Geburt, Geld und Gehirn, auf die es bis 1918 im diplomatischen Dienst ankam, spielte bei seiner Auswahl nur noch das Gehirn eine Rolle. Alles andere hat die Demokratie ausgefiltert. Sein Vater war Zahnarzt in Trier, er selber ist Mitglied der SPD.

Klassisch ist an Vergau nur noch das Jurastudium: In ihrer Mehrheit glauben die jungen Diplomaten immer noch so fest wie die älteren, daß sich keine andere Wissenschaft als Studium generale für den gebildeten Menschen – nicht nur für den Verwaltungsdienst – besser eignet. Im übrigen aber repräsentiert er einen Typ, der mit den netten, vorsichtigen Anpassungsschulzen, – in der öffentlichen Meinung meist die Markenzeichen für den auswärtigen Dienst – nur wenig gemein hat. Unter dem Schutz der sozial-liberalen Koalition bildete sich dieser Typ Anfang der siebziger Jahre deutlicher heraus. Sein Charakteristikum: politisches Fingerspitzengefühl, Intelligenz, Offenheit, kritisches Vermögen, Fleiß und wissenschaftliche Akribie in der Analyse und – Talleyrand zum Trotz, der von seinen Diplomaten noch "pas trop de zèle" (nicht zuviel Eifer) verlangte – Eifer und soziales Engagement. Er ist vielseitig einsetzbar, funktionstüchtig, quick, ehrgeizig, er weiß die Ellenbogen zu gebrauchen und ist dabei unerhört brav, ernsthaft und vernünftig.

Unvorstellbar, daß dieser Typ in die Fänge einer Leidenschaft geriete ("Die jungen Herren haben zu wenig Druck drauf", meint Altmeister Günter Diehl in Tokio) und irgend etwas Unsinniges täten wie es noch der inzwischen im Ruhestand lebende Sigismund von Braun konnte, der sich nicht nur als Botschafter einen Namen machte, sondern in England auch als öffentlich benannter Scheidungsgrund. Für solche Kapriolen seien sie wohl "zu scharf trainiert", meinte ein Jüngerer.

Und so verlief Vergaus Karriere: Er studierte Jura in Bonn, nebenher Französisch und Geschichte, machte den Doktor und das erste und zweite Staatsexamen. Als er in den Auswärtigen Dienst eintrat, war er 29 Jahre alt und hatte damit gerade das Durchschnittsalter der Attaches erreicht (im englischen Foreign Service, in den die Anwärter mit 22, 23 Jahren von der Universität kommen, wäre er schon ein Methusalem gewesen). Während des in der Ausbildung vorgeschriebenen Auslandsjahres wurde er in die Vereinigten Staaten auf die Fletcher School for Law and Diplomacy geschickt – eines der wichtigen akademischen Zentren für internationale Beziehungen und ein Bonbon, den damals jedes Jahr ein besonders vielversprechender Attaché erhielt.

Seinen ersten Posten nach dem Examen 1966 bekam er in der Bonner Ausbildungsstätte. Es war die einzige Enttäuschung, die ihm die Personalabteilung bislang machte: Er mußte Be- – werber für den auswärtigen Dienst im Gespräch testen und entscheiden, ob sie zum Auswahlwettbewerb zugelassen werden sollten – eine Verantwortung, die er nicht gern übernahm. Danach wurde er als Presse- und Kulturreferent an die Handelsvertretung nach Budapest geschickt. Auf Grund der Erfahrungen und Kenntnisse, die er sich dort aneignete, wählte ihn sich der damalige Staatssekretär Paul Frank 1970 zu seinem persönlichen Referenten aus. Es war die große Zeit der Ostpolitik. Alle Leute, die sich im Ostblock halbwegs auskannten und für das Gebiet politisch eine Antenne hatten, waren damals gesucht.