Aus dem "dissenting vote" des Verfassungsrichters Martin Hirsch:

"... Geist, Seele und Gewissen machen den Menschen aus. Was er zutiefst weiß, wessen er sich innerlich vergewissert hat, ist zwar einem Werturteil, niemals aber mit letzter Sicherheit einem Gerichtsurteil zugänglich (so auch Bundespräsident Scheel am 5. 4. 1978 vor Offizieren der Bundeswehr in Saarbrücken). Es geht hierbei nicht um die Frage, "ob das Gewissen überhaupt justitiabel ist", sondern darum, ob die von Artikel 4 Grundgesetz als Tatbestandsmerkmal normierte und daher als möglich gedachte Gewissensentscheidung stets so "hinreichend" sicher verifizierbar ist, daß nach menschlichem Ermessen keinem ehrlichen Kriegsdienstverweigerer seelisch Zwang angetan wird. Da dies nicht möglich ist und der Mensch, der gegen sein Gewissen handelnd seine Würde einbüßt, niemals zum Objekt der Staatsgewalt herabgewürdigt werden darf, verbietet sich – auch auf die Gefahr des Mißbrauchs – jedes Verfahren, das von Staats wegen eine Grundrechtsbeeinträchtigung, hier eine Gewissensnot, perpetuieren würde. Auch deswegen gilt im Strafprozeß der rechtsstaatliche Grundsatz "in dubio pro reo"; deswegen braucht der Eidesverweigerer seine erklärte Gewissensentscheidung ebenfalls nicht glaubhaft zu machen... Im Zweifel hat der Staat, der nur auf Grund konkreter Anhaltspunkte die Lüge zutrauen darf, die "Beweislast".

Ein Prüfungsverfahren, das die Glaubhaftmachung vorsieht, ohne das unvermeidliche "non liquet" dem Petenten zuzurechnen, mag zulässig und zweckmäßig sein, um Drückebergerei zu begegnen; es steht aber nicht in unserer Verfassung, daß "der die Erfüllung einer Pflicht für die Gemeinschaft fordernde Staat um so weniger" auf die mögliche Feststellung der "Gewissensposition" verzichten könne, "je bedeutsamer für die Allgemeinheit und belastender für den einzelnen die Gemeinschaftspflicht ist, mit der die vorgetragene individuelle Gewissensentscheidung in Konflikt" gerate. Diese politische Zweck-Mittel-Überlegung setzt voraus, daß die Erfüllung der Wehrpflicht belastender als die Verweigerung ist und daß die Anforderungen bei der Verifizierung der Gewissententscheidung von politischen Bedingungen abhängen dürfen".