Die Schlacht ist geschlagen, der Pulverdampf hat sich verzogen. Auch wenn an einigen Stellen noch erbittert gekämpft wird, so läßt sich doch sagen: Die Lohnrunde 1978 ist gelaufen. Nachdem in der Stahlindustrie Tariferhöhungen um vier Prozent, bei der Chemie von 4,3 Prozent, im öffentlichen Dienst von 4,5 und in der Metallindustrie von fünf Prozent vereinbart wurden, sind die wesentlichen Entscheidungen gefallen. Es kann also Bilanz gezogen werden.

Zunächst einmal muß festgestellt werden, daß der Tarifabschluß von sieben Prozent in den deutschen Seehäfen nicht die befürchtete Signalwirkung gehabt hat. Das von der Bundesregierung gewünschte Ergebnis, daß bei den Lohnerhöhungen dieses Jahres höchstens eine Vier vor dem Komma stehen sollte, ist aber nur teilweise erreicht worden – vor allem, wenn berücksichtigt wird, daß dem offiziellen Abschluß stets einige Zehntelprozente auf Grund der Nebenabreden hinzugerechnet werden müssen. Wenn die Sachverständigen und die Bundesregierung in ihrem Jahreswirtschaftbericht richtig gerechnet haben, bedeutet dies, daß die Arbeitslosigkeit infolge der Lohnkostenentwicklung auf keinen Fall abnehmen, eher noch weiter zunehmen wird. Die Lohnabschlüsse liegen jedoch nicht so weit außerhalb des von Regierung und Sachverständigen abgesteckten Zielgebiets, daß darüber ein lautes Lamento angestimmt werden müßte.

Alles in allem könnte fast von einer Lohnrunde der Vernunft gesprochen werden – wenn dabei nicht soviel Porzellan zerschlagen worden wäre. Die Auseinandersetzungen sind diesmal mit einer Schärfe geführt worden, die in keinem Verhältnis zu dem erzielten Ergebnis steht. Die Abschlüsse, die jetzt vorliegen, hätten auch in vernünftigen, sachlichen Gesprächen erreicht werden können, ohne gegenseitige Verunglimpfungen, Streiks und Aussperrung. In der Rückschau wirken die Indianerspiele der Tarifparteien noch sinnloser und unverständlicher als während ihrer Aufführung.

Angesichts der ohnehin depressiven Stimmung vor allem bei den kleinen und mittleren Unternehmen (die aber die Mehrzahl aller Arbeitnehmer beschäftigen und über mehr als die Hälfte aller Investitionen entscheiden), aber auch angesichts der Ängste vieler Arbeitnehmer und Verbraucher haben die unnötig scharfen sozialen Auseinandersetzungen mehr Schaden angerichtet, als durch zwei oder drei Konjunkturprogramme wiedergutgemacht werden kann.

Daß es auch anders geht, haben die Tarifparteien der chemischen Industrie bewiesen. Weder Gewerkschaften noch Arbeitgeber dieser Branche hielten es für notwendig, die eigenen Truppen durch wildes Kampfgeschrei aufzustacheln. Der Hauptvorstand der IG Chemie gab frühzeitig die Losung aus, die Lohnforderungen im Rahmen zu halten, und einigte sich dann ohne viel Theaterdonner in zentralen Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Die IG Chemie gedachte der Arbeitslosen auch nicht nur mit Worten: Neben einer Lohnerhöhung von 4,3 Prozent für ihre aktiven Mitglieder handelte sie den Unternehmen die Zusage ab, arbeitslos gewordenen Chemiearbeitern schon nach sechs statt erst nach acht Jahren Betriebszugehörigkeit aus der Unterstützungskasse der chemischen Industrie einen Zuschuß zum Arbeitslosengeld zu zahlen.

Bleibt nur zu hoffen, daß die Tarifparteien in anderen Wirtschaftsbereichen aus den bösen Erfahrungen dieses Jahres und dem Beispiel der Chemie etwas lernen. Michael Jungblut