Ohne Waffen ist keine Aktion eines Gemeinwesens nach außen, ist aber auch kein fester Bestand eines solchen an sich denkbar, Das Leben der Menschheit bewegt sich nun einmal in natürlichen Feindseligkeiten der Völker und Staatsgenossenschaften untereinander... Der Krieg ist unvermeidlich; eine gewonnene oder verlorene Schlacht entscheidet über das Schicksal der Nationen auf lange Zeit. Auf Angriff und Widerstand beruht der Verlauf der Weltgeschichte."

So beginnt eine bemerkenswerte Darstellung über Alexander den Großen. Sie ist allerdings hundert Jahre alt und stammt von Ranke. Daran wird der Wandel machtpolitischer Sichtweise deutlich. So wie der große Historiker hier, schriebe heute nur noch ein unerschrockener Sozialdarwinist. Die Distanz schrumpft bei der Beurteilung der Person, um die es geht. Wenn Ranke resümiert, Alexander habe ein Reich zerstört, aber kein neues an dessen Stelle gesetzt, so steht der Satz fast genauso in der neuesten Darstellung über den Makedonenkönig zu lesen. In den Grundtatsachen dieser kometenhaften Laufbahn von zwölf Jahren ist seit dem 19. Jahrhundert keine Revision erfolgt; die Quellenlage ist ja nicht anders geworden.

Mit solchem Vorbehalt wird eine sehr erfreuliche Publikation angezeigt:

Siegfried Lauffer: "Alexander der Große"; dtv Wissenschaftliche Reihe Nr. 4298; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1978; 293 S., 12,80 DM.

Ist schon ein Literaturverzeichnis von dreißig Seiten für ein (originales) Taschenbuch eine Lei-Istung eigener Art, so beweist vollends der umfangreiche Anmerkungsapparat – schätzungsweise ein Drittel des Gesamtumfangs – die gründliche Kennerschaft des 67jährigen Münchner Althistorikers. Die quellenkundliche Fracht mindert nicht die Lesbarkeit. Lauffer verwirklicht noch immer den Leitsatz, daß Geschichte in erster Linie erzählt werden soll.

Welcher Stoff eignet sich besser dazu, als die menschliche Energieexplosion, die sich im letzten Drittel des vierten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung im Ostmittelmeerraum vollzog. Alexander hat über mehr als zweitausend Jahre die Erinnerung und Phantasie nicht ermüden lassen. Das liegt sowohl an der dramatischen Ballung der Ereignisse, an den weitreichenden Folgen, trotz alles Fragmentarischen, wie auch an den charakterlichen Gegensätzen in dieser Herrschernatur. Abstoßende Grausamkeit und königliche Großmut, rasender Jähzorn und erschütternde Reue, tollkühne Selbstgefährdung und beherrschte Umsicht in ununterbrochener Siegfolge – solchen Wechselbädern lieferte er die Mitwelt aus, ehe er mit 32 Jahren am Fieber starb. Selten im Weltverlauf wird geschichtliche Größe unwiderstehlicher; menschlich anziehend freilich macht sie auch Siegfried Lauffer nicht.

Harald Steffahn