Wofür Hans Apel als Finanzminister nicht zahlen wollte, will nun Verteidigungsminister Apel von Finanzminister Hans Matthöfer Geld bekommen: Für das fliegende Nato-Frühwarnsystem AWACS (Airborne wartung and Control System). Seit rund anderthalb Jahren hadern Deutsche und Amerikaner um dieses amerikanische Aufklärungssystem, das der Nato bis zu 400 Kilometer tief Einblick in Feindesland verschaffen und die Vorwarnzeit bei einem Militäraufmarsch des Ostens um knapp zehn Minuten verlängern soll.

Auch als Hans Apel das Oberkommando im Verteidigungsministerium übernahm, schien ihm der Milliardenaufwand für einen zehnminütigen Zeitgewinn im Ernstfall noch zu teuer. Er beschloß, den Wechsel, den sein Vorgänger Georg Leber schon so gut wie unterschrieben hatte, wieder zurückzuziehen und suchte dafür Rückhalt bei den Koalitionsfraktionen.

Dabei konnte sich Apel auch auf ein Votum aus seinem neuen Haus stützen, das Georg Leber zwar kannte, aber dennoch in den Wind geschlagen hatte: In einem vertraulichen Bericht, der dem Planungsstab der Hardthöhe Anfang 1977 vorgelegt wurde, hieß es: "Die drei Inspekteure (Heer, Marine und Luftwaffe) halten alle anderen Aufgaben ihrer Teilstreitkräfte und die dafür vorgesehenen Einsatzmittel für wichtiger als AWACS."

Wenige Wochen im Amt aber genügten Hans Apel, um seine Meinung zu revidieren. Als der Verteidigungsminister letzte Woche seinen amerikanischen Kollegen Harold Brown zu Besuch hatte, bekundete er plötzlich Interesse an dem kostspieligen Projekt, Den Sinneswandel erklärt das Ministerium nun so: "Der Minister hat jetzt die richtige Tiefenstärke für die bündnispolitische Notwendigkeit des Systems gewonnen."

Die Scharfsicht verdankt der Minister sicher nicht zuletzt seinem guten Gedächtnis, Die Erinnerung daran, wie der Bundeskanzler den standfesten Apel beim Streit mit den Ländern um die Steuerverteilung 1976 in Stich gelassen hat, ist bei ihm noch immer wach, Apel mußte damit rechnen, auch in diesem Fall vom Kanzler korrigiert zu werden, Zur Entspannung der Beziehungen zwischen Bonn und Washington könnte bald ein deutsches Opfer notwendig werden. Da der Kanzler in der Wirtschaftspolitik nicht nachgeben will, bietet sich ein Zugeständnis bei AWACS an. Apels Umfall war mithin wohlkalkuliert.

Nun muß der Minister seine vermutlich sehr kostspielige Kehrtwendung dem Parlament schmackhaft machen. Sein Votum für AWACS ist daher an drei wichtige Bedingungen geknüpft:

  • Die Amerikaner sollen endlich eine Zweibahnstraße im Rüstungsgeschäft mit den Deutschen eröffnen und in der Bundesrepublik in vergleichbarem Umfang Waffen kaufen. Im Gespräch ist unter anderem das Flugabwehr-Panzersystem Gepard. Außerdem sollen die USA ihren Bedarf für die in Europa stationierten Truppen teilweise bei deutschen Produzenten decken. Gedacht wird an Omnibusse, Lastwagen und Gabelstapler. Apel will auch Garantien dafür, daß deutsche Firmen an der Produktion von AWACS angemessen beteiligt werden,
  • Bedingung zwei ist eine AWACS-Basis in der Bundesrepublik, Damit hatte schon Leber die unter Arbeitsplatznot leidenden Genossen im Saarland verzückt. Ihnen machte er vor, eine Station nierung von AWACS im Saarland werde zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Das war indes schon damals Augenwischerei. Maximal zehn Prozent der zweitausend Mann, die für die AWACS-Basis in der Bundesrepublik benötigt werden, üben zivile Tätigkeiten aus – vorwiegend bei Putzkolonnen. Ein Standort an der Saar würde überdies sechs- bis achthundert Millionen Mark an zusätzlichen Investitionen erfordern. Für die jetzt in Aussicht genommene Basis Geilenkirchen werden nur etwa siebzig Millionen Mark benötigt. Immerhin; Die zusätzliche Kaufkraft durch die gutbezahlten AWACS-Beschäftigten wird Handel und Gewerbe in dieser Region zugute kommen,
  • Der deutsche Anteil an dem Beschaffungsprogramm soll in einem vernünftigen Rahmen bleiben, das heißt, nicht wesentlich Über dreißig Prozent hinausgehen. Das wären bei dem jetzt genannten Preis etwa 1,2 Milliarden Mark. Doch gerade dieser Punkt gehört zu den größten Risiken, wie die bisherige AWACS-Geschichte zeigt.