Von Gero von Boehm

Das Operationszubehör nimmt sich bescheiden aus, aber es genügt, um im Extremfall aus Herrn Müller Herrn Meier zu machen: Zielgerät, nadeldünne Elektrodensonde, Stromanschluß. Damit kann sich ein kundiger Neurochirurg schnell den Weg in den biochemischen Kosmos der 12 Milliarden Schaltkreise unseres Gehirns bahnen, Körperfunktionen beeinflussen und in Bereiche vorstoßen, in denen die Persönlichkeit verankert ist.

Moderne stereotaktische (räumlich gezielte) Eingriffe, bei denen per hochfrequentem Wechselstrom mit Zehntelmillimeter-Genauigkeit winzige Areale im Zwischenhirn verkocht werden können, haben nichts mehr mit den Methoden eines Walter Jackson Freeman ("Jack, der Hirnschlitzer") zu tun. Mit einer Art Mini-Eispickel fuhr der monomane US-Chirurg in den vierziger Jahren bei Tausenden von Kranken ins Vorderhirn, um dort mit kreisenden Bewegungen weite Teile des feinen Nervengewebes zu zerstören – und damit die zuvor zwangs- und angstneurotischen Patienten, die Aggressiven und Schizophrenen in emotional verödete, dahinvegetierende menschliche Wracks zu verwandeln.

Mit dem Aufkommen der Stereotaxie ist der Vorstoß ins Hirn zielgerichteter geworden; die Neurochirurgen verletzen heute nur noch winzige Gewebsbereiche, beispielsweise im Zwischenhirn. Die erhöhte Präzision bietet jedoch nur trügerische Sicherheit. Denn die Kenntnisse über die Ursprungsorte jener Nervenimpulse, die unser Verhalten steuern, sind noch immer vage, so daß Eingriffe ins Ich entsprechend grob ausfallen.

Solcher Bedenken ungeachtet und ohne ausreichende wissenschaftliche Absicherung machte sich Mitte der sechziger Jahre eine Handvoll neurochirurgischer Eiferer in Europa und Amerika daran, die auf den ersten Blick faszinierende Methode in großem Stil bei so ziemlich allen auffälligen Verhaltensweisen anzuwenden. Freiwillige (weil verzweifelte) Patienten gab es genug: notorische Säufer und Aggressive, schwer erziehbare Kinder und Exhibitionisten, Diebe und Homosexuelle.

Inzwischen wurden die meisten Psychochirurgen bei der Patientenwahl vorsichtiger. Sie operieren vornehmlich Zwangskranke, Patienten mit einem Trieb zur Selbstverstümmelung und Menschen mit abweichendem Sexualverhalten: Symptome, die oft tatsächlich ausgemerzt werden können. Um die teils gravierenden Nebenwirkungen aber kümmern sich die Operateure nur mangelhaft. So gibt es beispielsweise kaum eine gut organisierte Nachbeobachtung, und mitunter werden peinliche Fehlschläge bekannt. Die meisten Psychochirurgen publizieren jedoch nur spärlich und scheinen das Dunkel, das sie umgibt, wahren zu wollen.

Immerhin veranlaßte der relative "Erfolg" der Methode den kalifornischen Operateur Hunter Brown zu der Überlegung, "jeder junge Kriminelle, der mit zwanzig Jahren lebenslänglich bekommt, kostet den Steuerzahler 100 000 Dollar. Für lächerliche 6000 Dollar, die so ein kleiner Eingriff kostet, können wir den Kriminellen zu einem verantwortungsbewußten und angepaßten Bürger machen". Die Brown-Kollegen Vernon Mark und Frank Ervin halten die Psychochirurgie gar für ein probates Mittel, politischen Hitzköpfen beizukommen.