Von Gesine Froese

Die Sicherheitskontrolle hatte es in sich. Sie übertraf das inzwischen schon gewohnte Maß an Schärfe. Handgepäck, Koffer und Kleidung wurden statt gründlich durchsucht, penetrant gefilzt. Alles, vor allem, was niet- und nagelfest schien, wurde geöffnet, eine harmlose Streichholzschachtel schließlich als gefährliches Gut beschlagnahmt. Ich mußte in der Abtastkabine einen Stiefel ausziehen, bevor wir endlich die Maschine nach Belfast betreten durften – nur noch mit Tageszeitungen bewaffnet. Es ging ab in den Urlaub.

Urlaub in Nordirland? Richtig. Ein hiesiger Reisebüroangestellter schüttelte sich entsetzt, nachdem er begriffen hatte, daß es sich nicht um einen schlechten Scherz handelte. Ferien also auf "Satan’s grüner Insel"? (Shaun Herron, der als Student in Belfast denBürgerkrieg miterlebte, schrieb unter diesem Titel einen nur So von Fanatismus und Brutalität strotzenden Roman.)

So weit, so schlecht. Aber es geht ja auch erst los. Tatsächlich kann der Nordirland-Anfänger es ruhig wagen, die "Six Counties" mit dem Auto zu erfahren, um einen ersten Eindruck von der Gegend zu bekommen. (Natürlich links, wie es englische Sitte ist.) Die auch Ulster genannte Provinz ist etwas kleiner als Schleswig-Holstein, selbst von seinen südlichsten Punkten ist die 450 Kilometer lange Küste in etwa zwei bis drei Stunden erreichbar. Die Straßen sind gut asphaltiert, doch schmal und kurvenreich.

Grafschaft Antrim, Ballycastle. Dieser kleine Küstenort, der erste Berührungspunkt mit der Causeway Coast, liegt etwa eine Autostunde vom Flughafen entfernt. Aufregende, weitläufige Buchten, an denen sich mal steil abfallende Felsen, mal weich auslaufende Grasflächen, mal unwegsame Böschungen mit dem Meerwasser treffen. Der Atlantik liegt vor uns. Salzluft weht über die blanke Natur. Keine Imbißbuden, keine Abzäunungen, keine Holzwege, die erkennen lassen, daß die Bevölkerung hier auf Touristen eingestellt ist. Herzlich unwillkommen?

Urlauber, die mediterrane Dienstbarkeit und kontinentale Infrastruktur gewöhnt sind, werden sich zunächst schwer tun, inmitten dieser Übernatur. Aber die Fremdenverkehrsleute sind schon dabei, daran etwas zu ändern: Sie planen mehr Service, zwar keine Hochhausbauten, aber mehr Wohnwagen-, Park- und Picknickplätze. Denn die Tourismus sind sich durchaus der Bedeutung des Tourismus für ihr Land, das unter überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit leidet, bewußt. Was natürlich kein Freibrief für Hemmungslose ist, plump vertraulich auf ein unbekanntes Hofgelände zu stolpern. Solch Tölpel wird sich angesichts des unheilvoll dreinschauenden Empfangskomitees ganz schön erschrecken.

Herzlich willkommen ist der, wie in so vielen nordischen Ländern, respektvolle, anpassungsfähige Gast. Belohnt wird er mit Whiskeys am Abend und – wenn die Sterne besonders günstig stehen – auch mit Geschichten und mit inbrünstiger Lust vorgetragenen Liedern, die freilich mehr zum Repertoire der älteren Generation gehören. Junge Leute trifft man überhaupt wenige in den Pubs und an den Hotelbars. Der Schein, sie wären alle ausgewandert, trügt gar nicht so sehr. Zumindest der Statistik nach ist Nordirland ein besonders überaltertes Land.