ARD, Mittwoch, 26. April, 20.15 Uhr: "Späte Liebe", Buch: Max von der Grün, Regie: Ilse Hofmann

Zwischen Gräbern lernen sie sich kennen, zwei alte Menschen. Der pensionierte Schneidermeister ist seit drei Jahren Witwer, die Schuhmachermeisterwitwe kommt auch seit drei Jahren mit der Gießkanne "jeden zweiten Tag auf den Friedhof. Was soll man sonst machen? Wo soll man sonst hingehen?" Man grüßt sich, ruht sich zusammen auf einer Bank aus, kommt ins Gespräch – vom Sehen kannte man sich in der kleinen Stadt schon immer. Man findet zueinander – über die Toten, deren Krankengeschichten man dem andern ausführlich schildert. Und so findet man am Grab der (des) Ehemaligen die (den) Zukünftigen.

Ilse Hofmann erzählt diese alltägliche Geschichte mit dem Mut zu Genauigkeit und Gelassenheit, in ruhigen Bildern. Gerade das Bestehen auf der Banalität des Vorgangs, bis in die Sprach-Klischees, gibt dem Film Lebensnähe und Wärme. "Die Autos gehören alle abgeschafft", schimpft die Frau, die selber gern den Autobus zu einer Fahrt ins Blaue besteigt, als sie auf der Straße einmal fast unter die Räder kommt. Und als sie hört, ein Wehrdienstverweigerer bringe dem Mann jeden Mittag ein warmes Essen, muß sie, widerwillig, anerkennen: "So sind die jungen Leute doch noch zu was nütze."

Die Geduld, mit der in diesem Film auf alte Menschen geblickt wird, die sich bedächtig bewegen und äußern und in scheinbar alltäglichen Sätzen und Gesten die Geschichte ihres Lebens miterzählen, zahlt sich aus: Ilse Hofmann braucht die komischen Züge eines solchen Neuanfangs am Lebensende nicht zu unterschlagen. "Wozu so ein Tod gut ist: daß man noch einmal heiraten darf", wundert sich die Frau, und über den toten ersten Mann fällt der komische, aber gar nicht lächerliche Satz: "Der Albert dreht sich im Grab rum, wenn er das erfährt." Übers Ehebett hängen die beiden einträchtig die Bildnisse der früheren Partner. Scheu vor neuer Gemeinsamkeit verrät allenfalls die Frage: "Schnarchst du?"

Ilse Hofmann liefert keinen soziologischen Alten-Report über das "Problem" später Liebe, sondern erzählt in der Reihe "Liebesgeschichten" den Fall einer über Gräbern geschlossenen Gemeinschaft. Da hätte man sich schon denken können, daß die Frau und der Mann auch über eine beiden neue Intimität reden, denn die Gebrechlichkeit der Körper wird nicht verdrängt. Und vielleicht hätte ein Film, der immerhin das Wort "Liebe" im Titel führt, auch andeuten können, daß es bei plötzlich einsam gewordenen Menschen ein Verlangen nach Zärtlichkeit gibt und solch neue Partnerschaften nicht nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit gesucht werden.

Innerhalb dieses selbstgesteckten Rahmens ist der Film gelungen: Er macht älteren Leuten, die mehr als jüngere auf das Urteil der Nachbarn geben, Mut zum eigenen Leben. Max von der Grüns Textbuch ist nach einer Licht-Schatten-Schablone gearbeitet: In der mittleren Generation, wo Ehen auseinandergehen, nur Kopfschütteln und Spott über alte Hochzeiter, während Großeltern- und Enkel-Generation harmonieren. In den Passagen der Hochzeitsreise verflacht der Film zum Pariser Bilder-Album, doch wecken Ehmi Bessel und Karl-Maria Schley, fern aller Routine und Mimen-Virtuosität, das Interesse auch dann.

Rolf Michaelis