Die Chancen, bis zum Abitur zu kommen, sind in der Bundesrepublik ungleich verteilt. In Hamburg bestimmen zunächst erst einmal die Eltern, in welche Schule ihr Kind nach der Grundschule geht, eine Aufnahmeprüfung, zum Beispiel ins Gymnasium, gibt es nicht. Erst nach der sechsten Klasse kann die Schule dann auch gegen den Willen der Eltern entscheiden. Anders hingegen in Bayern und Baden-Württemberg. Dort müssen sich Eltern und Kinder beim Übergang in Realschule und Gymnasium den Entscheidungen der Schule unterwerfen. Die Kinder müssen wie ehemals Prüfungsarbeiten schreiben, die heute, lediglich sprachlich entschärft, "Probearbeiten" heißen.

In Baden-Württemberg ist die Hürde, über die zehnjährige Kinder springen müssen, um das Gymnasium oder die Realschule zu erreichen, besonders hoch:

  • Die Kinder der vierten Klasse der Grundschule müssen für den Sprung ins Gymnasium in Mathematik und Deutsch mindestens einen Notendurchschnitt von 2,5 haben; für die Realschule von 3,0.
  • Im zweiten Schulhalbjahr der vierten Klasse müssen alle Kinder "Probearbeiten" schreiben, die Teil der Aufnahmeprüfung für Gymnasium und Realschule sind. Auch hier muß für zukünftige Gymnasiasten der Notendurchschnitt bei 2,5 liegen.
  • Allen Schülern, die diese Notenschwelle erfolgreich überstiegen haben, steht dann noch eine weitere "Streß-Zeit" bevor. Das erste halbe Jahr in der neuen Schule gilt noch als "Probezeit". Wer voraussichtlich nicht versetzt wird, muß wieder absteigen.

Damit führt der scheidende baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn (CDU) praktisch wieder eine Sextaner-Prüfung ein, die er vor vierzehn Jahren, als er sein Amt antrat, abgeschafft hatte. Es fehlt nur noch, daß in Baden-Württemberg auch wieder eine Prüfung von Untersekunda nach Obersekunda verordnet wird. Dann wäre der Rückmarsch in die fünfziger Jahre endgültig gelungen.

Hahn erschwert sogar noch den Übergang ins Gymnasium zusätzlich. In den fünfziger Jahren konnte ein Schüler immerhin nach bestandener Aufnahmeprüfung die Sexta wiederholen. Heute darf er das nicht mehr. Denn schafft er die halbjährige "Probezeit" nicht, muß er die Schule wieder verlassen.

Das einst auch von Hahn vertretene Prinzip: Die Schülern fördern, statt sie auszulesen, wird jetzt in sein Gegenteil verkehrt: Auslese statt fördern. Zehnjährige Kinder müssen nun büffeln, um den notwendigen Notendurchschnitt von 2,5 zu erreichen, nicht viel anders als angehende Abiturienten, die für das Studium von Numerus-clausus-Fächern eine sehr gute Note brauchen. Alle Welt beklagt, der Numerus clausus habe in der Oberstufe des Gymnasiums einen Kampf um Notenzehntel ausgelöst, zu Ellenbogen-Verhalten, Unkameradschaftlichkeit und Duckmäusertum geführt. Was die 17- bis 18jährigen Schüler schwer belastet, droht in Baden-Württemberg nun auch den neun- bis zehnjährigen.

Mit der "Verordnung über das Aufnahmeverfahren für Realschulen und Gymnasien" schuf die Stuttgarter Landesregierung praktisch einen Numerus clausus für Gymnasien und Realschulen. Der schon heute beklagte Streß an den Schulen wird sich verschärfen. Begabte Kinder, die aus bildungsschwachen Schichten kommen, und daher oft von ihren Eltern kaum Hilfe erhalten, werden den Sprung ins Gymnasium nicht schaffen. Sie bleiben auf der Strecke und müssen mit der Hauptschule vorlieb nehmen. Auch Kinder, bei denen der "Knoten" erst nach dem zehnten Lebensjahr "platzt", sind in Baden-Württemberg benachteiligt. Die frühe Auslese schneidet ihnen die Möglichkeit ab, ihre Begabungen noch zu entwickeln, sie läßt ihnen keine Zeit. Der Erziehungswissenschaftler und Lehrer Professor Hartmut von Hentig erklärte dazu kürzlich: "Bis zum Abschluß der Pubertät kann fast jede Vorhersage über die Entwicklung eines Individuums noch widerlegt werden. Es ist gleichsam noch alles möglich, was möglich ist." In Baden-Württemberg ist nun vieles nicht mehr möglich. Kinder, die in diesem Land zur Schule gehen, sind gegenüber ihren Altersgenossen Zum Beispiel in Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, wo es keine derartigen Auslese- und Aufnahmeverfahren gibt, benachteiligt. Die Chancen für eine gute Schulbildung werden in der Bundesrepublik immer ungleicher verteilt. Den Eltern in Baden-Württemberg, die sich mit dieser Ungerechtigkeit nicht abfinden wollen, bleibt nur der Weg zum Gericht – oder, sie versuchen es einmal mit einem Volksbegehren. Claus Voland