Von Friedhelm Gröteke

Italien als großer Stahlproduzent: Das war vor zwanzig Jahren noch eine Vorstellung, die kaum jemand ernst nahm. Inzwischen speien die Öfen zwischen dem Brenner und dem Ätna mehr Stahl aus als die traditionellen Industrien Großbritanniens und Frankreichs. Seit 1975 behaupten die "feurigen" Italiener den zweiten Platz im europäischen Stahlgeschäft nach der Bundesrepublik. Während die ausländische Konkurrenz Stahl auf Sparflamme kocht, hat Italien 1977 seine Produktion nur von 23,4 auf 23,3 Millionen Tonnen reduziert.

Freilich stellt der hohe Produktionsstand mehr eine Not als eine Tugend dar, seitdem international die Stahlpreise derart gefallen sind, daß fast jede exportierte Tonne Verlust bringt Die Hütten der Apenninenhalbinsel müssen aber um jeden Preis produzieren und verkaufen, weil niemand entlassen werden darf. Am allerwenigsten aber kann die Staatswirtschaft ihre Anlagen stilllegen, die allein 57 Prozent allen Stahls produzieren.

Obgleich Italiens Stahlindustrie ihre Produktionsmöglichkeiten von dreißig Millionen Tonnen bei weitem nicht ausschöpft, führt das Land jetzt jährlich sechs bis acht Millionen Tonnen Stahl aus. Dabei hatten die Regierungsplaner an den grünen Tischen in Rom noch vor fünf Jahren ausgerechnet, daß die italienische Produktion gerade den heimischen Bedarf decken sollte. Mit Ausbruch der Energiekrise erwiesen sich indessen diese Schätzungen als illusorisch. Inzwischen hinken die theoretischen Absatzmöglichkeiten selbst für den Fall einer Hochkonjunktur um ein volles Jahrfünft hinter den Produktionsmöglichkeiten her.

Roms staatlicher Mischkonzern IRI (Institut für Industriellen Wiederaufbau) büßte 1976 bei über einer Milliarde Mark Gesamtverlust fast eine halbe Milliarde Mark in der eisenschaffenden Industrie ein. Für 1977 werden, die Verluste noch höher sein. Über eine Million Tonnen Stahl liegen allein bei der größten IRI-Stahltochter Italsider unverkauft auf Lager.

Daß Rom. für sein jahrzehntelanges Streben nach nationaler Unabhängigkeit im Stahlgeschäft jetzt derart draufzahlt, verdankt es allerdings nicht nur der weltweiten Überkapazität in dieser Branche. Die Planer hatten ursprünglich kalkuliert, daß Italiens Staatsindustrie mit dem Großkombinat Tarent und Neapel kostengünstiger als die Hütten an der Ruhr, Saar oder in Lothringen produzieren werden. Beide Anlagen entstanden direkt am Meer. Ohne Aufwendungen für Binnentransporte werden; überseeische Erze, Schrott, und Koks direkt in die Hochöfen, gekippt. Da die gigantischen Investitionen im Entwicklungsgebiet. Süditaliens getätigt wurden, zahlte der Staat Milliardensubventionen (Investitionskredite, zu drei Prozent und – verlorene Zuschüsse). Die Italsider konnte also auch mit einem erheblichen Kostenvorsprang in der Zinskalkulation an den Start gehen.

Nachteile zu spät entdeckt