Nach der Fertigstellung der Werke wurden jedoch die Nachteile, offenbar, die bei integrierten Produktionszyklen großen Stils in einer völlig industrielosen Gegend entstehen. Die nötige Infrastruktur – Transportmittel, Schulen oder Krankenhäuser – fehlen. Telephon und Post funktionieren, mehr schlecht als recht. Führungskräfte betrachten einen Job in den neuen Zentren des Südens teilweise auch heute noch als Strafversetzung. Dem Vorteil des billigen Rohstofftransportes steht der Nachteil teurer und langwieriger Vertriebswege für einen Teil der Endprodukte gegenüber. Vor allem aber führte das Fehlen einer industriellen Tradition zu sozialen Spannungen besonderer Art.

"Zwischen 1969 und 1976 haben wir durch Streiks eine Produktion von acht Millionen Tonnen Stahl verloren", stellt der Verwalter der IRI-Gruppe fest. Im Herbst 1977 genügten 17 Mann, um im viertgrößten Stahlwerk der Welt, Tarent (Kapazität 10,5 Millionen Tonnen), den größten Hochofen Europas zu blockieren Sie legten sich einfach immer dann auf die Schienen, wenn das flüssige Roheisen abtransportiert werden sollte. Der Hochofen mußte stillgelegt werden. Sein Mantel erlitt einen Temperaturschock, der voraussichtlich die Lebensdauer der Anlage verringert. Dabei waren die Arbeiter nicht einmal bei, der Italsider beschäftigt. Sie gehörten zu einer Montagefirma, deren Arbeiten in Tarent abgeschlossen waren. Die Monteure wollten aber nicht nach Norditalien versetzt werden.

Kämpft in Tarent die Italsider mit sozialen Schwierigkeiten, so in Neapel mit den Planungsbüros der Stadt. Die Schlote des Werks Bagnoli (Kapazität 2,3 Millionen Tonnen) speien nämlich wie ein Mini-Vesuv ihren Dreck über einen Uferstreifen am Golf aus, der teils als Wohngebiet und teils als Grünzone genutzt werden soll. Da das Werk Bagnoli wie eine Klammer vom Häusermeer der Stadt Neapel umfaßt wird, will die Italsider gerade dieses letzte unbebaute Gebiet zur rationellen Erweiterung ihres Werks benutzen. Zwei Hochöfen waren Ende der sechziger Jahre bereits neu installiert worden, und der Bau eines Warmwalzwerks hatte eben begonnen, da stoppten die Raumplaner den Ausbau der Weiterverarbeitung. Seitdem steht Bagnoli als Torso da. Allein 1977 machte das Werk 185 Millionen Mark Verlust. Während die Rechtsanwälte weiter streiten, hat man sich in Rom damit abgefunden, daß in Bagnoli jährlich 250 Millionen Mark draufzuzahlen sind.

Was tun? Entlassungen kommen aus politischen und juristischen Gründen nicht in Frage, und die Anlagen sind noch lange nicht abgeschrieben: Eine sofortige Schließung ist deshalb ausgeschlossen. Regierungsstudien haben sich mit einer Verlegung des Stahlzentrums vierzig Kilometer weiter nach Norden befaßt. Nach den Berechnungen müßte das neue Kombinat sechs Millionen Tonnen produzieren und verarbeiten, um wirtschaftlich zu sein. Das würde 8,25 bis 9,5 Milliarden Mark erfordern. Aber selbst wenn der Staat diese Mittel aufbrächte, könnte ein großer Teil der Produktion nicht im Inland abgesetzt werden. Noch mehr Export aber erscheint bei den weltweiten Überkapazitäten und den Versuchen der Brüsseler Kommission, in der EG die Kapazitäten zu verringern, unmöglich.

Eine zweite Lösung wäre, das Stahlwerk Bagnoli allmählich stillzulegen und die Arbeiter in neu zu etablierenden Produktionsstätten zu beschäftigen. In diesem Fall wäre 1983 der erste Hochofen auszublasen. Von den 8500 Arbeitskräften müßten dann 2000 eine neue Beschäftigung haben. Allerdings käme auch diese Lösung recht teuer, vor allem weil der graduelle Abbau die Produktivität empfindlich verringert und dennoch viele Anlagen stillgelegt werden müßten, bevor sie völlig abgeschrieben werden kön-

Die dritte Lösung wäre nur mit Zustimmung der Raumplaner möglich. Sie müßten dem Ausbau von zwei Walzstraßen für eine Milliarde Mark zustimmen. Damit könnte das Werk derart integriert werden, daß nach dreijährigen Verlusten von insgesamt 750 Millionen Mark ein ausgeglichener Abschluß möglich wäre. Für tausend Arbeiter müßten neue Arbeitsplätze gefunden werden.

Brüssel soll zahlen