Von Rolf Kunkel

Nicht einmal aus der Luft, selbst aus höchster Jet-Höhe nicht, läßt sich diese Stadt auf einen Blick erfassen. Los Angeles ist immerzu in die Breite gewachsen. Auf einer Strecke von über 200 Kilometern, der Entfernung zwischen Köln und Frankfurt, nichts als Häuser, Häuser, Häuser. Zusammengehalten wird die flächengrößte Stadt der Welt von einem faszinierenden System großzügiger Stadtautobahnen, den Freeways. Im Zentrum türmen sich die Fahrbahnen vier- und fünfstöckig übereinander. 24 Stunden am Tag fließt der Verkehr sieben- oder achtspurig in jeder Richtung. 1984 soll eine Spur für den Olympia-Verkehr frei bleiben.

Das also ist der Austragungsort der übernächsten Olympischen Sommerspiele: eingebettet zwischen Autobahnen und Meeresstrand, konstant erdbebengefährdet bei ständig wolkenlosem Himmel. So ist die Lage bei normalen Wetterbedingungen. Wenn freilich vom Pazifik her die Winde den whiskeybraunen atmosphärischen Unrat, genannt Smog, zusammenkehren und plötzlicher Temperaturwechsel einen Deckel über die Mülltonne stülpt, kommt bloßes Atmen dem Rauchen von zwei Päckchen Zigaretten pro Tag gleich. Dann haben die Mädchen mit den Honigstimmen, die im Auftrag einer Radiostation per Hubschrauber über dem Verkehrsgewühl schweben, nur noch einen Rat für die Autofahrer: "Ihr Lieblinge dort unten, hört auf zu atmen, das ist besser für eure Lungen."

Los Angeles ist der reichste Teil des reichsten Staates der USA, Kalifornien; es ist die Stadt des Big Business, Kommunikationszentrum für das ganze Land. "L. A.", wie die Amerikaner sagen, ist das Original einer gigantischen Xerox-Maschine, deren Kopien allenthalben verteilt werden. Eigentlich nur natürlich, daß man sich in der Heimat des "Disneyland" um die größte Show der Welt bemüht, die freilich auch die größten Kopfschmerzen bereitet. Schon einmal, 1932, zu Zeiten tiefster wirtschaftlicher Depression, fanden hier Olympische Spiele statt; es waren die zehnten in der Geschichte, und Los Angeles war damals halb so groß wie heute. Das ist die eigentliche Ursache für das nach dem Dollar-Schock von Montreal doch recht abenteuerlich wirkende Vorhaben, eine Wiederaufführung des aufwendigen Spektakels zu inszenieren: die Spiele von 1932 zählen zu den schönsten Jugenderinnerungen jener Leute, die heute in Politik und Wirtschaft führende Stellungen einnehmen. Es waren damals die ersten und letzten Spiele, die den Veranstaltern Profit bescherten: rund 1 Million Dollar.

In den Archiven der Los Angeles Times läßt sich an Hand vergilbter Zeitungsausschnitte die harmonische, von fair-play gekennzeichnete olympische Atmosphäre jener Zeit, der wir heute nachtrauern, Blatt für Blatt rekonstruieren. Zu den sportlichen Helden der damaligen Spiele gehörte der japanische Oberst Takeichi Nishi, ein brillanter Reiter, der seinem Land den Sieg im Preis der Nationen sicherte. 12 Jahre später, 1944, kämpfte Nishi als Kommandeur der japanischen Truppen auf den Salomon-Inseln im Pazifik gegen die angreifenden Amerikaner. Ein makabrer Zufall wollte es, daß sein amerikanischer Antipode ebenfalls Ölympiareiter war. Über die Identität seines Gegenüber durch militärische Kanäle informiert, forderte der Amerikaner Nishi mit den Worten "ich will dich nicht töten" zur Aufgabe auf. Nishi kämpfte weiter und fiel wie seine Soldaten. Jahre später übergab Nishis Witwe der Stadt Los Angeles die Reitpeitsche ihres Mannes, die seither als Symbol der von Freundschaft und gutem Willen getragenen 32er Spiele im Rathaus hängt.

Natürlich gab es auch damals unliebsame Zwischenfälle. Während des 3000-Meter-Hindernislaufs verloren die Organisatoren die Rundenübersicht; der finnische. Sieger Iso-Hollo und seine Konkurrenten liefen eine Runde zuviel. Die Geher wurden bei ihren Wettkämpfen durch die Straßen der Stadt von Hunden gebissen; und die Argentinier, die zwei verschiedene Mannschaften entsandt hatten und die ihren Revolutionskrieg im olympischen Dorf fortsetzen wollten, landeten im Gefängnis.

Von Erinnerungen allein läßt sich nicht leben. Am breiten Wilshire Boulevard, der sich nach den Wünschen der Geschäftswelt zu einer Art Fifth Avenue entwickelt, warte ich im Büro des Rechtsanwalts John C. Argue auf ein Gespräch. Argue, 55 Jahre alt, ist Vorsitzender des Kalifornischen Komitees für die Olympischen Spiele. Während ich warte, blättere ich in der einzig greifbaren Zeitschrift, dem "San Diego Journal". Darin erklärt der 39jährige Gouverneur des Staates Kalifornien, Jerry Brown, der 1980 für die Republikaner gegen Jimmy Carter in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen will, warum er sich für Olympia in Los Angeles einsetzt: "Es sind nur Spiele, sie sind nicht wirklich notwendig, aber bedenken Sie, die Welt ist öde und traurig genug, Olympia hingegen ist zum Vergnügen da, die Leute sollen sich an den Wettkämpfen erfreuen."