Vor wenigen Monaten stritten sie sich noch lautstark um drei kleine Inseln am Südzipfel Südamerikas und stimmten Kriegsgeschrei an, die argentinische Militärjunta in Buenos Aires und die Mannschaft des Generals Pinochet in Santiago de Chile. Natürlich war es reiner Theaterdonner, aber beiden kam er gelegen. Die Chilenen hatten eine interne Machtprobe bestanden, den Argentiniern stand sie bevor, und beiden Offiziers-Gruppen war nur recht, daß man sie nicht an ihr Versprechen erinnerte, nie den "zivilen" Fehler des persönlichen Ehrgeizes und rücksichtslosen Machthungers zu wiederholen.

Das ist leicht gesagt, wenn man nur Uniform trägt und Befehle gibt oder ausführt. Einmal an der Macht, sind bisher alle Juntas zerfallen; immer setzte sich der starke Mann durch. Pinochet bewies es Ende vergangenen. Jahres, als er in Chile gegen den Widerstand seiner Kollegen ein Referendum durchsetzte, das seine Politik mit großer Mehrheit bestätigte. Die Umbildung der chilenischen Regierung vorige Woche war nur ein Beweis mehr dafür, daß er an seiner Umformung des Landes in einen Ständestaat mit einem Quasi-Parlamentarismus unbeirrbar festhält. Eine entsprechende Verfassung soll im nächsten Jahr per Referendum gebilligt werden.

Ganz im Sinne dieses Fahrplans stellen nun die Zivilisten die Mehrheit in einem Kabinett, das zum erstenmal seit 1973 ein Zivilist leitet. Er bürgt freilich für Kontinuität: Der Rechtsanwalt Sergio Fernández war als Arbeitsminister und "Generalkontrolleur" (der Verfassung) stets ein enger Mitarbeiter Pinochets. Ihm fällt heute als Innenminister und primus inter pares eine Schlüsselrolle zu. Viel Beachtung findet auch der Wechsel des Generals Benavides vom Innenressort in das Amt des Verteidigungsministers. Das Militär bleibt "Hüter der nationalen Werte", zieht sich aber aus der vordersten Front zurück.

So weit sind die argentinischen Kollegen noch nicht, sie stecken noch mitten im Rivalenstreit. Die "Harten" intrigieren gegen die "Gemäßigten" und verzeichnen kleine Erfolge. Die Junta der drei Befehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe, so verlautete vor acht Tagen, soll nun bald um den vierten Mann erweitert werden, dem der Titel eines Staatspräsidenten winkt, der sich seine Machtbasis aber zuerst schaffen muß, und zwar außerhalb des Militärs. Denn Marine und Luftwaffe blockieren gemeinsam das Heer und damit den Generalspräsidenten Videla. Er gilt als Wortführer der "Gemäßigten" und Verfechter eines "Dialogs" mit den zivilen Kräften, der möglichst schnell zum Rückzug der Soldaten führen soll.

Sein ehrgeiziger Rivale Admiral Massera, der Wortführer der "Harten", denkt da ganz anders. Aber auch er braucht neue Alliierte und suchte sie vorige Woche ausgerechnet bei den immer noch einflußreichen Peronisten, gegen die das Militär vor zwei Jahren angetreten ist. Die Versuchung war wohl zu groß, um ausgelassen zu werden – trotz der unvergessenen Blamage eines regierenden Generals, der sich Anfang dieses Jahrzehnts ebenfalls mit den Peronisten einließ und von ihnen so an die Wand gespielt wurde, daß der verbannte Juan Peron die Regierung übernehmen konnte. Warum das alte Spiel nicht noch einmal beginnen? Ehrgeiz ist meistens mächtiger als Einsicht, lateinamerikanische Offiziere machen da keine Ausnahme. Wer immer den Machtkampf in Buenos Aires gewinnt – die Rückkehr zu einer stabilen Demokratie in Argentinien ist erneut vertagt. In Chile wird es dagegen Stabilität geben, aber keine Demokratie.

Horst Bieber