Siegen

Auf die Barrikaden gehen Umweltschützer und am Schutz der Landschaft Interessierte, wenn die Rede auf die Planung der BAB A 4 (Autobahn Olpe–Bad Hersfeld) kommt. An vorderster Front kämpft die Bürgerinitiative Brachthausen-Wirme. Der durch den Autobahnbau zu erwartende Schaden sei größer als der von den Interessenverbänden erhoffte Nutzen, sagt sie, und Wilhelm Heuel, ihr Sprecher, klagt, daß "bei einer Weiterführung der A 4 von der Hüttentalstraße bei Kreuztal/Krombach nach Bad Hersfeld das Naherholungsgebiet Rothaargebirge auf einer Länge von 48 Kilometern zerschnitten und durch Abgase und Lärmbelästigung entwertet wird".

Der Appell "Stoppt den weiteren Raubbau an der Natur" verbindet Heuel mit drei Forderungen: Erstellung eines landschafts-okölögischen Gutachtens, Einblick in die Kosten-Nutzen-Analyse des Bundesverkehrsministeriums sowie ein großzügiger Ausbau des vorhandenen Straßennetzes zugunsten des Wittgensteiner Landes.

Die Bürgerinitiative ist nicht bereit, irreparable Schäden an der Natur als "Schicksalsfügung" hinzunehmen und konnte bereits starke Bataillone hinter ihre Fahne scharen: 80 Prozent der Dorfbevölkerung, Naturschützer und Forstbehörden weiß sie im Kampf gegen die Landschaftszerstörung auf ihrer Seite. Der jüngste Bundesgenosse kommt aus Hessen. Die Arbeitsgemeinschaft "Rettet den Burgwald" wehrt sich ebenfalls gegen den Bau der A 4, weil dadurch eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete "unter Asphalt und Beton erstickt wird".

Auf taube Ohren stoßen die Umweltschützer beim Straßenneubauamt Siegen. Sein Chef, der leitende Landesbaudirektor Walter Werner, quittiert die geforderte ökologische Begutachtung des Raums mit leichtem Spott: "Wir leisten den besten Beitrag zum Umweltschutz, wenn wir den Verkehr ans Laufen bringen." Den Forstbehörden gibt er den Ratschlag, sie sollten sich ein Beispiel an den vielfältigen Bepflanzungen von Autobahnböschungen und aufgeforsteten Landstrichen nehmen, "dann brauchten die armen Tiere des deutschen Waldes nicht an die Autobahnen zu. flüchten, weil sie sonstwo nur Monokulturen vorfinden". Für ihn ist die Autobahn selbst der beste Schallschutz, und im übrigen lasse sich deren Wirkung nicht in Mark und Pfennig ausdrücken.

Schützenhilfe bekommt Walter Werner von SPD-Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikern aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Die A 4, sagen sie, schließe eine Lücke im gesamtdeutschen Autobahnnetz und sei obendrein die kürzeste West-Ost-Verbindung auf der Gesamtstrecke Aachen–Köln–Olpe–Bad Hersfeld–Dresden–Görlitz. Mit der steigenden Bedeutung des Ost-West-Handels komme dieser Fernstraße daher eine wichtige Aufgabe bei der Intensivierung des Güteraustausches zwischen der Bundesrepublik und den Staaten Osteuropas zu. Um eine günstigere Dringlichkeitseinstufung im Bundesverkehrsministerium zu erreichen, wollen die Politiker energisch "am Ball" bleiben, denn neben der Strukturverbesserung könne die A 4 verkehrspolitisch eine der wirkungsvollsten Maßnahmen zur großräumigen Umgehung des mit Verkehrsproblemen belasteten Rhein-Main-Raumes darstellen.

Ob diese Hoffnungen in Erfüllung gehen, wagt Volker Sperlich vom NRW-Landesverband Bürgerinitiativen und Umweltschutz zu bezweifeln. Der Straßenbau sei an einer Grenze angelangt, wo ein Plus schon mehr Schaden als Nutzen bringen könne. Erfahrungen hätten gezeigt, daß bei einer besseren Anbindung der Gemeinden an die Ballungszentren keine Zuwanderung von gewerblichen Betrieben erfolge, sondern eine Abwanderung der Arbeitnehmer. Das zeige, so das Argument Sperlichs, die wachsende Zahl der Fernpendler.