Man kann den "Bericht der Bundesregierung über die strukturellen Probleme des föderativen Bildungssystems", kurz "Mängelbericht" genannt, sowohl unter bildungspolitischen wie unter verfassungspolitischen Aspekten lesen. Je nachdem fällt die Bewertung verschieden aus. Bildungspolitisch wiegt der Bericht trotz aller Häufung scheinbarer und wirklicher Problemfälle nicht schwer, neu ist auch nicht seine Feststellung, daß es in einem Bundesstaat nun einmal auf vielen Gebieten Unterschiede gibt – selbstverständlich auch im Bildungswesen. Verfassungspolitisch dagegen ist der Bericht eine sehr ernst zu nehmende Herausforderung an die Länder – fordert er doch nicht mehr und nicht weniger als eine Zentralisierung bildungspolitischer Kompetenzen beim Bund. Die Absicht der beiden Aspekte ist unverkennbar: dem Bundesbürger sollen wohl die "Mängel des Föderalismus", das "Versagen" der Länder, die angebliche Chancen-Ungleichheit so eindringlich vorgeführt werden, daß der allgemeine Wehruf über das Debakel des Föderalismus von selbst und zwingend in den Ruf nach dem Bund als dem Hüter der Einheit im Bildungswesen übergeht. Allerdings ist zu fragen, ob der Bürger dieser schlichten Gedankenführung zu folgen bereit ist – und ob ihm die bisher erlittenen Erfahrungen mit dem Bildungsgesetzgeber Bund tatsächlich den Mund nach Zentralisierung wäßrig machen.

Zunächst überrascht mich, daß Unterschiede im Bildungswesen eines Bundesstaates von vornherein als "Mängel" verdächtigt werden – trotz einiger Lippenbekenntnisse zum Föderalismus. Größtmögliche Einheitlichkeit ist offenbar das Ziel. Damit wird das Wesen des Bundesstaates verkannt, denn dieser lebt ja gerade davon, daß nicht alles gleich ist.

Ist nicht Wettbewerb auch in Schulen und Hochschulen ein sinnvolles Prinzip? Und wenn die im "Mängelbericht" vorgezeigten Unterschiede zwischen den Ländern der Bundesrepublik schon soviel Anstoß erregen – welche Mängelrügen müßten sich dann erst die anderen Bundesstaaten der Welt vorhalten lassen, deren Schulwesen föderalistisch organisiert ist: Kanada, Belgien, die Schweiz, ja selbst die Sowjetunion, wo der Schulunterricht sogar mit unterschiedlichen Sprachen in den einzelnen Landesteilen beginnt, die Versetzungsmöglichkeiten also in ganz anderer Weise eingeschränkt sind als bei uns? Der Einheitsstaat mit der Einheitsschule ist nun einmal, in unserer Welt ein Anachronismus und eine Illusion. Wer jedem gerecht werden will – auch im Bildungswesen –, der kann nicht die Bildungskonfektion, den Einheitsanzug fordern. Haben sich eigentlich die Autoren des "Mängelberichtes" einmal Gedanken darüber gemacht, warum heute Einheitsstaaten wie Frankreich, Spanien, Italien bemüht sind, sich der Regionalisierung, dem Föderalismus zu öffnen?

Im übrigen soll man die Einzelprobleme, die der Föderalismus aufgibt und die im Bericht groß herausgestellt werden, gewiß nicht verharmlosen und herunterspielen – man soll sie aber auch in ihren wirklichen Dimensionen sehen. Das gilt für das beliebte Argument "Vater versetzt – Tochter sitzengeblieben". Wie viele Schulwechsler über Landesgrenzen hinweg gibt es denn? Nach Bayern sind 1976 insgesamt 103 663 Personen zugezogen. Unter 18 Jahren alt waren 17 031. Das sind, bezogen auf die gleichaltrige Wohnbevölkerung, etwa 0,6 Prozent. Auf die Schülerjahrgänge entfielen im Durchschnitt 0,03 Prozent. Im Bundesdurchschnitt liegen die entsprechenden Zahlen noch niedriger; denn die anderen Länder haben wesentlich weniger Zuzüge als Bayern.

Die Minderheit der aus anderen Ländern der Bundesrepublik kommenden Schüler wird im Freistaat keineswegs ihrem Schicksal überlassen, ganz im Gegenteil. Es gibt eine Fülle von Übergangsregelungen für Gymnasien und Realschulen – ich könnte sie seitenlang aufzählen. Auch Information und Beratung sind reichlich vorhanden – schriftlich und in Gestalt der in Bayern stärker als anderswo verbreiteten Schulberater und Beratungslehrer bei Regierungen und in Schulen. Die angebotenen Hilfen reichen im allgemeinen aus, um die aus anderen Ländern zuziehenden Schüler in das bayerische Schul-– system einzugliedern. Diejenigen, die trotz aller Verkehrungen tatsächlich aus ihrer Schullaufbahn geworfen werden, sind so selten, daß man mit Recht von Einzelfällen sprechen kann. Und

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diese Fälle sollen ausreichen, um einen Angriff auf die Zuständigkeit der Länder für Bildungsfragen zu begründen? Da stimmen doch die Dimensionen nicht mehr! Da ist doch das Gebot der Verhältnismäßigkeit aufs gröbste verletzt! Für uns sind sie Anlaß, allein oder zusammen mit anderen Ländern pragmatisch nach Abhilfe zu suchen. Eines jedoch können sie wegen ihrer zahlenmäßigen Bedeutungslosigkeit nicht sein: der Hebel, mit dem die Kulturhoheit der Länder aus den Angeln gehoben wird.