Von Raimund Hoghe

Wir "sehen nicht das, was wir anschauen. Wir sehen nicht die außergewöhnlichen Perspektiven und die Verkürzungen der Objekte. Wir, denen man beigebracht hat, Gewöhnliches und Anerzogenes zu sehen, wir müssen die Welt des Sichtbaren neu entdecken", schreibt Alexander Rodtschenko in seinem 1928 veröffentlichten Aufsatz über "Wege der zeitgenössischen Photographie" und fordert: "Wir müssen unser optisches Erkennen revolutionieren. Wir müssen den Schleier von Unseren Augen reißen, der vom Nabel aus heißt." Den in der Bundesrepublik ersten umfassenden Überblick über seinen vehementen Kampf gegen traditionelle photographische Realitätsausschnitte, gegen die "Aufnahme vom Bauchnabel aus" vermittelt jetzt die zur Zeit in Köln und anschließend in Berlin, Zürich und Baden-Baden gezeigte Ausstellung, die mit mehr als einhundert Photographien aus den Jahren 1921 bis 1938 Rodtschenkos konsequente Auflehnung gegen überkommene Sehweifür und Blickwinkel dokumentiert. Sie bestätigt die Bedeutung dieses photographischen CEuvres für die Entwicklung der Photographie der 20er und 30er Jahre und dokumentiert am Beispiel des russischen Künstlers die Befreiung der Photographie von der Malerei.

Er wolle keine Photo-Gemälde herstellen, sondern Photo-Momente, "nicht von künstlerischem, sondern von dokumentarischem Wert", stellte Rodtschenko 1928 fest. Sieben Jahre zuvor hatte er – 30 Jahre alt, einer der Protagonisten der Moskauer Kunstszene und Maler einiger der wichtigsten konstruktivistischen Bilder – die Malerei aufgegeben, hatte ein Manifest über "Das Ende der Staffeleimalerei" unterschrieben und sich der Typographie, der Plakat- und Buchgestaltung und schließlich der Photographie zugewandt. Seine ersten photographischen Arbeiten: Montagen, darunter die berühmten Illustrationen zu Majakovskis Gedicht "Pro eto".

Die ersten Bilder mit eigener Kamera macht Rodtschenko 1924. Zunächst bewegt er sich dabei in vertrauter Umgebung, photographiert innerhalb des persönlichen Lebensraumes. Es entstehen Porträts von Künstlern, Freunden, die durch ihre Einfachheit und Klarheit, Ehrlichkeit und Klischeeferne bestechen, nicht leblos glatte Fassaden abbilden, sondern Menschen erkennen lassen. Einige der Porträtierten nimmt Rodtschenko immer wieder auf, sucht unbekannte Seiten der bekannten Gesichter zu entdecken und realisiert die Vielschichtigkeit des Menschen. "Ein Mensch ist nicht nur eine Einheit, er ist vielgestaltig und dialektisch", erklärt er in einem seiner im Katalog nachgedruckten Aufsätze und fordert: "Fasse den Menschen nicht als ein einziges, synthetisches Porträt, sondern als eine Summe von Schnappschüssen, die zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Bedingungen aufgenommen wurden."

Die Suche nach ganz verschiedenen Blickwinkeln bestimmt Alexander Rodtschenkos photographisches Werk. Die interessantesten sind für ihn "die von oben nach unten und von unten nach oben sowie alle anderen – mit Ausnahme der Optik vom Bauchnabel aus". Denn: "Vom Nabel aus erhält man nur ein nettes Bildchen, wie auf den sattsam bekannten Postkarten." Entsprechend deutlich brechen dann auch seine Photographien mit den Ordnungen und Vertrautheiten der arrangierten Postkartenrealität, verweigern sich gängigen Standorten und wollen keine eindeutig festgelegte Sicht auf das, was Wirklichkeit genannt wird, propagieren. Rodtschenkos Ziel ist ein anderes: eine neue Sicht auf die Menschen, die Dinge und die Verhältnisse.

"Um den Menschen zu einem neuen Sehen zu erziehen, muß man alltägliche, ihm wohl bekannte Objekte von völlig unerwarteten Blickwinkeln aus und in unerwarteten Situationen zeigen; neue Objekte sollen von verschiedenen Seiten aus aufgenommen werden, um eine vollständige Vorstellung vom Objekt zu geben", schreibt Rodtschenko und kreist mit der Kamera die Objekte ein, photographiert Häuser, Straßen, Personen, Gegenstände und Situationen von oben, von unten, von der Seite, verschiebt Achsen, wählt die ungewöhnlichsten Perspektiven und verwirklicht kompromißlos einen eigenen, unverwechselbaren Stil.

Ob er seine Kamera auf junge Pioniere oder Sportler richtet, Bildreportagen über Arbeiter oder Zirkusartisten macht, Menschenmassen festhält oder einzelne porträtiert: stets werden traditionell festgelegte Grenzen mit bemerkenswerter Dynamik überwunden. Kraftvoll weisen die photographischen Arbeiten des 1956 in Moskau gestorbenen Rodtschenko auf Veränderungen nicht nur visueller Art, auf Chancen veränderter Seh- und Lebensmuster. Dabei vermittelt sich nicht zuletzt auch das: Lust, die Realität immer wieder neu zu sehen und zu erfahren – die Welt des Sichtbaren zu entdecken, ihre verschiedenen Ebenen zu erschließen. (Museum Ludwig bis 30. April, Katalog 20 Mark)