Die Stadt Berlin wirbt gern mit Nofretete-Plakaten, um Besucher anzulocken. Die bunte Büste der ägyptischen Königin, vor rund 3300 Jahren gefertigt, Ende 1912 von einer deutschen Ausgrabungsexpedition in Amarna im Atelier des Bildhauers Thutmose gefunden, gilt als ein Höhepunkt in der ägyptischen Kunst des 15. und 14. Jahrhunderts vor Christus – einer der bedeutendsten Funde aus ägyptischer Vorzeit überhaupt.

Ein solches Prachtstück, von unschätzbarer Bedeutung für Ägyptens Kulturgeschichte, würde man normalerweise in Kairo vermuten. Statt dessen befindet es sich in Berlin, im Ägyptischen Museum der Stiftung "Preußischer Kulturbesitz". Die Verwalter sonnen sich in dem Hochgefühl, Besitzer und Schausteller eines Schatzstücks zu sein, um das sie die ganze Welt beneidet.

Aber in Wirklichkeit ist dieser "Besitz" und die Werbung für ihn ein Skandal – besonders für eine Stadt, die sich als Bollwerk der Freiheit und Leuchtturm der Menschenrechte inmitten einer unfreien Umwelt fühlt und in der ganzen Welt um Sympathie wirbt. Denn die Geschichte, wie Berlin an die Nofretete kam, ist ein nahezu perfektes Beispiel für eine Erwerbung des Kolonialzeitalters. Als ich daher vor ein paar Monaten in der Fernsehsendung "Welt-Geschichten" darauf aufmerksam machte, es sei eher taktlos, ausgerechnet mit Nofretete zu werben, meldete sich herablassend der Museumsdirektor, Professor Jürgen Settgast: Olle Kamellen... abgedroschen und ohne Wahrheitsgehalt... (Berliner Morgenpost, 4. 10. 1977).

Nun denn – vielleicht können wir uns ein bißchen auf dem Boden der Tatsachen umsehen.

Die Büste wurde im Dezember 1912 auf dem Ausgrabungsfeld Teil el-Amarna von Ausgräbern der deutschen Orientgesellschaft gefunden. Die Gruppe stand unter Leitung Ludwig Borchardts, Direktor des Deutschen Instituts für Ägyptische Altertumskunde in Kairo. Nach den damaligen Vorschriften wurden die Fundstücke (mehrere Kisten voll) einem Vertreter der ägyptischen Altertümer-Verwaltung vorgeführt und geteilt. Mit seinem Segen wurde der deutsche Anteil nach Berlin gebracht. Normales Routineververfahren!

Weniger normal war, daß die Deutschen zwar vieles aus ihren Erwerbungen 1913 in Berlin ausstellten, aber nicht die Büste der Nofretete. Sie würde verborgen gehalten. Als sie dann Jahre später vorgezeigt wurde, gab es nicht nur Bewunderungsstürme unter Ägyptologen, Museumsbesuchern und in der internationalen Fachwelt, sondern größte Verblüffung und dann Zornesausbrüche in Kairo. Die Ägypter fühlten sich betrogen. Wann und wie hatte ein Stück dieses Wertes ins Ausland verbracht werden können, trotz scharfer Bestimmungen?

Damals begann der Streit, ob Borchardt etwa den Beamten der ägyptischen Antiquitätenverwaltung hinters Licht geführt hat. Der hatte ja offenbar und verblüffenderweise nicht den Wert eines Stückes erkannt, dessen bloßer Anblick später alle Kundigen in der ganzen Welt sofort elektrisierte. Hatte Borchardt ihm etwa dieses Stück gar nicht gezeigt? Oder warum sonst war es dem Beamten nicht aufgefallen? War es etwa durch Manipulation unkenntlich, also unauffällig gemacht worden? (Borchardt bestritt dies entrüstet).