Kann der Außenminister das Moskauer Mißtrauen ausräumen?

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im April

Das sowjetische Fernsehen deckte kürzlich Unglaubliches auf. Eine versteckte Kamera dokumentierte, was vier amerikanische Journalisten in Moskau unternehmen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Der erste trieb Frühsport im Trainingsanzug. Der zweite chauffierte Sowjetbürger und nahm einen Briefumschlag entgegen. Der dritte stand vor einem Forschungsinstitut und der vierte führte gar eine Frau mit Sonnenbrille durch die Straßen. Konkret wurde den vier namentlich genannten, früheren Moskauer Korrespondenten überhaupt nichts nachgewiesen. Aber die unterlegte Krimimusik, der Begleitkommentar und der Titel des halbstündigen Abschreckungsfilms machten deutlich, worum es den Sowjets ging: "Die freie Presse im Dienst der CIA".

Die "Stimme Amerikas" übermittelte ihren Millionen sowjetischer Hörer fast gleichzeitig das Interview eines gewissen amerikanischen Bürgers namenes Malcolm Toon, der die Innen- und Außenpolitik des Kreml gehörig abkanzelte. Dies verdiente kaum Erwähnung, wäre Toon derzeit nicht Washingtons Botschafter in Moskau und deshalb seinem Stande gemäß zu gewissen diplomatischen Umgangsformen verpflichtet.

Die beiden Episoden sind symptomatisch für die Stimmungslage der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen, wie sie sich seit dem Amtsantritt Carters entwickelt hat. Die Zurückstellung der Neutronenwaffe wurde von den sowjetischen Massenmedien als "dubiose, halbe Maßnahme" zur Täuschung der Welt abgetan. Der "öffentliche Aufschrei" habe das Weiße Haus zu einem Manöver gezwungen, das als "substantieller Kompromiß angeboten werde, aber die "schnellen Anstrengungen zur Perfektionierung der Bombe" keineswegs bremse.

Plötzlich aber, unmittelbar vor der Ankunft von Außenminister Vance an diesem Mittwoch, beruhigte sich der Pressesturm, Unvermittelt befand nun ein angesehener sowjetischer Gesprächspartner wohlwollender: "Ich schätze Carter irgendwie als zwiespältigen Menschen ein." Kann der Ministerbesuch eine neue Belebung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen einleiten? Fest steht, daß die mit immer neuen Komplikationen und Interpretationen befrachteten Salt-II-Verhandlungen noch nicht vor einem endgültigen Durchbruch stehen. Das gegenseitige Mißtrauen und die vielen Mißverständnisse in der Frage der strategischen Rüstungsbegrenzung werden durch die dreitägige Visite des Außenministers kaum abzubauen sein.