Von Ulrich Raschke

Dies ist ein Buch vom Leben und Vom-Leben-Lassen. Es drückt einen in Resignation, lacht einen aus, katapultiert in Wohlbehagen und kurzweilig erfrischende Hoffnung. Die Stationen, die man bei diesen Tal- und Bergfahrten durchmacht, folgen (fast) historisch gewordenen Ereignissen, die 1968 mit der Studentenbewegung begannen, sich in ihren Folgeerscheinungen gesellschaftspolitisch wie individualpsychologisch aufsplitterten und den Anspruch auf Veränderbarkeit der Gesellschaft durch Bildung und Ausbildung mit der zähen Wirklichkeit der Unveränderbarkeit abstumpften.

Die Veränderung, die man dabei, sich selber anpassend, erlebt, ob man will oder nicht, erzählt Hermann Kinder, 1944 geboren, Dozent für Germanistik und Literatursoziologie in Konstanz, in seinem ersten Roman –

Hermann Kinder: "Der Schleiftrog Roman; Diogenes Verlag, Zürich, 1977; 216 S., 22,80 DM.

Spitzbübisch nennt Kinder das Buch einen "Bildungsroman", eine "Variante des Entwicklungsromans, dessen Held in der Berührung mit kulturgeprägter Umwelt durch Lernen und Erfahren seine geistig-seelischen Anlagen zu einem charaktervollen harmonischen Ganzen ausbildet" (so das "Handbuch literarischer Fachbegriffe" von Otto F. Best).

"Ein neuer Anfang: Ich werde Tritt fassen, Subjekt und Objekt versöhnen. Begierig werde ich sein, kundige teilhaftig, mächtig und voll. Das Studium der Literatur und eine Ausbildung, in der sich Pflicht und Neigung decken; die Kommunalpolitik, um meinen festen Beitrag zum Fortschritt zu leisten – das war meine feste Zukunft. Vorbei die Lehrjahre des Gefühls. Mit gegrätschten Beinen werde ich auf dem Boden der Realität stehen. Ich ging durch den Zug und steckte mir eine Zigarette an. Der Zug legte sich in eine Kurve, ich verlor den Halt, griff vor mir ins Leere, erwischte hinter mir eine Abteiltür, die rutschte zur Seite..." – so legt Kinder los.

Mit Wielands "Agathon", dem klassischen, ersten Bildungsroman, hat Kinders "Schleiftrog" wenig gemein. Um die Schwellenangst vor immerhin möglichem Bildungsdünkel zu zerstreuen: gebildeter wird man durch die Lektüre nicht, dafür realistischer, desillusionierter, gleichgültiger; aber man wird, aus Zorn über die eigene Abstumpfung, tatendurstig. Dieses Buch wärmt in diesen kalten Zeiten.