Zwei Stromexperten der Rheinisch Westfälischen Elektrizitätswerke in Essen sind ins Schußfeld von Bürokratie und Wissenschaft geraten. Anlaß ist ein Buch, das die ungewöhnliche These vertritt, weiteres Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik sei möglich ohne gleichzeitigen Zuwachs des Energieverbrauchs.

Die Autoren – Werner Müller, beim RWE zuständig für die Stromanalysen und Prognose, und Bernd Stoy, RWE-Direktor für den Bereich der Energieanwendung, wollen entkoppeln, was nach herrschender Lehre nicht entkoppelt werden kann – Wachstum von Energie und Wirtschaft. Ihr Werk: "Entkoppelung – Wirtschaftswachstum ohne mehr Energie".

Die Verfasser beschäftigen sich in einem historischen Rückblick mit vielfältigen Krisen-Prognosen, der Vergangenheit und ziehen folgerichtig die Erkenntnis, daß alle früher etwa wegen des Bevölkerungswachstums vorausgesagten Zusammenbrüche ausgeblieben sind. Ähnliches vermuten sie über das Krisengerede im Energiebereich. Flott und allgemeinverständlich geschrieben, legen die Autoren dar, daß etwa im Haushaltssektor schon ungewollt eine Entkoppelung eingetreten ist. Bei steigendem Einkommen und Konsum sei der Energiebedarf im Haushält weit weniger gestiegen, als nach bisheriger Energie-Lehre angenommen werden mußte. Nach Meinung von Müller/Stoy werde sich der Energiezuwachs von jährlich 3,5 Prozent (1975/80) bei 1,1 Prozent (1985/90) einpendeln und damit um zwei Drittel der heutigen Zuwachsraten reduzieren.

Langfristig aber sei sogar mit einem Nullwachstum zu rechnen, wenn der Entkoppelungsprozeß gezielt gefördert wird. Der Faktor Natur – ob Sonnenstrahlung oder sonstige Abwärme – müsse nur überall dort voll zum Einsatz gelangen, wo immer dies möglich sei. Ein Beispiel dafür ist die Wärmepumpe, die vorhandene Abwärme der Umwelt für Heizzwecke nutzbar macht. Hier liege nicht nur die Chance für eine Reduzierung der Primärenergie (Ersatz für Heizöl), sondern auch noch ein bislang ungenutztes Potential für weiteres Wirtschaftswachstum. Allein in der Beheizung von Wohnungen durch die Wärmepumpe sehen die Autoren in der Bundesrepublik einen Markt im Wert von 200 Milliarden Mark.

Als Werner Müller und Bernd Stoy ihre Thesen während eines Forumgesprächs in Bonn zur Diskussion stellten, meldeten vor allem Energiewissenschaftler Bedenken an. Professor Hans Michaelis, Energiepapst alter Schule, hält die Entkopplungsthese zwar prinzipiell für wünschenswert, praktisch jedoch für unrealistisch. Schon die Annahme der Verfasser, das reale Bruttosozialprodukt werde im Laufe der nächsten zehn Jahre nur um 3,2 Prozent steigen, könne nicht akzeptiert werden, weil sich damit die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik nicht beseitigen ließe. Folglich könne auch die Energieprognose nicht stimmen. Im übrigen würden alle bisherigen internationalen und nationalen Energieprognosen in eklatantem Widerspruch zur These von stagnierendem Energiewachstum stehen. Ferner hält Michaelis es politisch nicht durchsetzbar, wirkungsvolle Energiesparmaßnahmen einzuleiten. Der beste Beweis dafür sei das Scheitern des amerikanischen Energieprogramms.

Für Ministerialdirigent Hans Schill, Energiefachmann im Bonner Wirtschaftsministerium, ist der Widerstand gegen das Sparprogramm der Bundesregierung ebenfalls ein Beweis dafür, wie schwierig es ist, das durchaus wünschenswerte Ziel einer Entkoppelung des Energiezuwachses vom Wirtschaftswachstum zu erreichen. Schill verwirft die Thesen von Müller/Stoy nicht grundsätzlich, er hält sie gleichwohl für außerordentlich bedenklich. Die undifferenzierte Propagierung der These werde nämlich in der Bevölkerung die ohnehin verbreitete Ansicht stärken, der Bau weiterer Kraftwerke sei überhaupt nicht nötig. Wie leicht solche Erwartungen geweckt werden, beweist Schill am konkreten Fall: "Als wir den Bedarf für die Kernenergie im Energieprogramm reduzierten, riefen hier die Leute gleich an und meinten, dann könne ja das bei ihnen geplante Kraftwerk wegfallen."

Eine Verminderung der Kraftwerkskapazität haben die beiden RWE-Mitarbeiter Müller und Stoy allerdings auf keinen Fall im Sinn. Das Gegenteil ist eher der Fall. Denn die von ihnen bevorzugten neuen Technologien für die Energieeinsparungen funktionieren vorzugsweise auf Strombasis. Und wenn die gewollte Entkopplung nur deshalb nicht möglich ist, weil sie politisch nicht durchgesetzt werden kann, so ist auch das kaum den Autoren anzulasten. In welchem Ausmaß die Realisierung der These ausschließlich von Politikern abhängt, hat Wilhelm Buggle, CDU-Energieexperte im Baden-Württembergischen Landtag, anläßlich der Diskussion über die Entkoppelungsthese besonders deutlich bewiesen. Entgegen der herrschenden CDU-Meinung begrüßte Buggle das Ziel vom Nullwachstum für die Energie, freilich nur theoretisch. In der Praxis verteidigte er dann seine Landesregierung, die das Bonner Sparprogramm scheitern ließ. Wolfgang Hoffmann