Also dann bis nächste Woche – morgen komm’ ich nicht", sagt die Verkäuferin zu ihrer Kollegin. "Wieso, hast du Urlaub?" – "Ach wo, mein Auto muß zum TÜV und zu Hause ist so viel liegengeblieben, da muß ich mal die Grippe nehmen."

Ganz untypisch ist diese Situation nicht, obwohl es zuverlässige Statistiken über das Ausmaß des "Krankfeiern" nicht gibt. Die Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers, die dem Arbeitnehmer (jedenfalls für sechs Wochen im Jahr) die wirtschaftliche Existenz während "normaler" Krankheiten sichern soll, ist aber natürlich nicht dazu da, derlei zusätzliche Urlaubstage zu ermöglichen. Ein Arbeitnehmer, der wegen einer Krankheit nicht arbeitsfähig ist, muß deshalb seinem Arbeitgeber die Krankheit nicht nur mitteilen, er muß innerhalb von drei Tagen auch eine "ärztliche Bescheinigung über die Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer nachreichen" und so die Krankheit beweisen. Tut er das nicht, so braucht der Arbeitgeber den Lohn nicht weiterzuzahlen.

Mancher Arbeitgeber hat die ihm eingereichten ärztlichen Atteste mit Mißtrauen betrachtet. Es gibt sogar Firmen, die über krankschreibende Ärzte Buch führen, um so die Vermutung zu stützen, der eine oder andere Arzt stelle häufig "Gefälligkeitsatteste" aus oder neige jedenfalls dazu, übertriebenen Krankheitsschilderungen seiner Patienten Glauben zu schenken. In letzter Zeit haben Arbeitgeber immer öfter die krankschreibenden Atteste der Ärzte nicht anerkannt und die Lohnfortzahlung verweigert. Und in mehr und mehr Fällen hatten deshalb Arbeitsgerichte die Frage zu entscheiden, ob ein Arbeitgeber an ein ärztliches Attest gebunden ist oder nicht. Inzwischen gibt es zu dieser Frage auch eine ausführlich begründete Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts.

Danach kann ein Arbeitgeber "Umstände darlegen und beweisen, die zu ernsthaften Zweifeln an der behaupteten Erkrankung Anlaß geben". Wenn beispielsweise – wie im Sachverhalt, der dem Urteil zugrunde lag – feststeht, daß der Arzt die Bescheinigung ohne vorherige Untersuchung ausgestellt hat, so ist das ärztliche Attest allein kein ausreichender Beweis für die Krankheit. Ein "gewisser Beweiswert" kommt ihm zwar dennoch zu; zusätzlich muß aber der Richter nach Gründen fragen, "Warum es im Einzelfall zu einer solchen Bescheinigung gekommen ist". Er muß dann alle Umstände berücksichtigen, die für oder gegen eine Erkrankung sprechen, die Art der Krankheit etwa oder auch die Dauer des Arzt-Patienten-Verhältnisses.

Das bedeutet: Ist die Glaubwürdigkeit eines ärztlichen Attestes erst einmal erschüttert, so muß der Arbeitnehmer zusätzliche Beweise für seine Krankheit beibringen. Gelingt ihm das nicht, so verliert er den Lohnfortzahlungsanspruch. Wer an einer ernsthaften langwierigen Krankheit leidet oder öfter wegen eines chronischen Leidens behandelt wird, dürfte es dabei leichter haben, solche zusätzlichen Beweise zu liefern als der Normalbürger mit der gängigen Grippe, die möglicherweise nur ein simpler Schnupfen war.

Zukünftigen Entscheidungen bleibt die Antwort auf die Frage vorbehalten, welche Tatsachen – außer der unterbliebenen Untersuchung – die Richtigkeit eines Attestes ernstlich in Zweifel ziehen können. Reicht die Ankündigung gegenüber Arbeitskollegen, wie im Eingangsbeispiel? Reicht es, wenn der Arbeitnehmer "gesund und munter" in der Öffentlichkeit gesehen wird? Bisher sind diese Fragen noch offen. Sicher ist nur: je öfter Arbeitnehmer unzulässig "krankfeiern", desto mehr gefährden sie den Lohnfortzahlungsanspruch von Kollegen, die wirklich krank sind.

Eva Marie von Münch