So aufgeklärt und liberal man sich in den Vereinigten Staaten manchmal geben mag, so bigott und aufgebracht verhalten sich manche Interessenverbände und Vereine, wenn sie sich miß verständlicherweise betroffen fühlen.

Eher amüsiert nahm man in den Staaten die – in England als skandalös empfundenen – Bürgerschreck-Hymnen der britischen Punk-Rock-Band „The Sex Pistols“ auf, die im Januar eine US-Tournee absolvierte, ohne irgend jemanden sonderlich zu schocken. Ausgesprochen wütend reagierten dagegen Zehntausende von US-Bürgern, die ihre örtlichen Rundfunkstationen anriefen und mit ihrem Protest erzwangen, daß „Short People“, eine neue Komposition des amerikanischen Rock-Satirikers Randy Newman aus seinem Album „Little Criminals“, vom Programm abgesetzt wurde. Ihr Argument, der Song verunglimpfe die Gefühle von Menschen mit kleinerem als „normalem“ Körperwuchs, klingt allerdings einigermaßen hirnrissig, wenn man die „Botschaft“ des Liedes im ironischen Zusammenhang sieht. Aber Humor und hintersinniger Witz ist offenbar nicht jedermanns Sache.

offenbar Proteste provozierte Randy Newman selbst bei intelligenteren Zeitgenossen, etwa dem damaligen „Rolling-Stone“-Kritiker Ralph J. Gleason schon einmal, als er 1974 sein vorletztes Album schon Old Boys“ mit dem Song „Red-Album (Spießer) veröffentlichte. Zu dem Lied, das ihm den Vorwurf des Salon-Rassismus eintrug, weil es Vorwurf Borniertheit und Hinterwäldler-Mentalität der amerikanischen Südstaatler verteidigte, hatte Newman ein Auftritt des damals amtierenden Gouverneurs von Georgia, Lester Maddox, in der Fernsehshow von Dick Lester inspiriert. Newman über die Peinlichkeit der Situation, in der Cavett den als politischen Rechtsaußen bekannten Gouverneur vor einem Millionenpublikum ausstellte: „Er und all die anderen voreingenommenen Trottel gaben dem Mann ja nicht einmal die Chance, aus sich selber einen Idioten zu machen ... Überhaupt finde ich die Vorstellung, die Nordstaaten seien dem Süden überlegen, blöde. Wäre ich ein Schwarzer, wüßte ich nicht mal genau, ob ich überhaupt irgendwo wohnen möchte, aber wahrscheinlich wäre ich nicht weniger unglücklich in North Carolina oder Alabama als in New York oder Chicago.“

Daß dieser „negative Denker“, wie sich Newman selber bezeichnet, unter Amerikas Rock-Komponisten alles andere als ein Salon-Rassist ist, hatte er mit antirassistischen Liedern zur Genüge dokumentiert. Wenn man die Lieder des Randy Newman verstehen will, muß man in vielen Fällen die thematischen, politischen und zum Teil auch musikhistorischen Hintergründe kennen, auf die sie sich beziehen. Zum einen zitiert oder verwendet Randy Newman in seinen Kompositionen praktisch sämtliche Stilarten der amerikanischen Populärmusik vom Ragtime über den Jazz, Blues und Country & Western bis zu Hollywood-Show-Melodien und der Rockmusik der sechziger Jahre. Nicht von ungefähr dürfte manchen Kenner und Liebhaber des Hollywoodfilms beim Hören seiner Lieder ein déjà-vu-Gefühl beschleichen: Randys Onkel Alfred, Emil und Lionel Hampton, die zu den bekanntesten Komponisten des klassischen Hollywood gehören, beeinflußten die musikalische Karriere ihres Neffen nicht unerheblich. Zum anderen sind die Themen seiner Lieder direkt geprägt durch Erfahrungen mit Film, Literatur und Politik.

So kann man beispielsweise Songs wie „Louisiana 1927“, „Mr. President (Have Pity On The Working Man)“ oder „Kingfish“ nur verstehen, wenn man das politische Klima in den amerikanischen Südstaaten der zwanziger und dreißiger Jahre im allgemeinen und die Karriere eines gewissen Huey P. Long im besonderen kennt: Dieser „Kingfish“ genannte Gouverneur von Louisiana wurde 1935 von einem Attentäter im Weißen Haus ermordet, weil er die Wähler seines Staates mit stark nationalsozialistisch gefärbtem Gedankengut gewonnen hatte.

Auch die Pointe eines Songs wie „Sail Away“ bleibt unverständlich, wenn man einen Newman-Vers wie „Climb aboard little wog, sail away with me“ mit ihrer ironischen Volte nicht begreift. Der „wog“, der in diesem Song als Sklave nach Amerika gebracht werden soll, ist ein „western orientated gentleman“ – eine euphemistische Umschreibung von „Nigger“. Als Amerikas Schnulzensänger später dies Lied interpretierten, wurde aus dem „little wog“ ein „little one“ – und damit die satirische Bösartigkeit vollkommen entschärft.

Ironie und Satire sind in Randy Newmans Liedern um so weniger plakativ und vordergründig, als er sie eher indirekt aufscheinen läßt. Gegen Mißverständnisse ist er darum nie gefeit, und man muß schon seine Art, auch über sich selber zu lachen und Witze zu machen, akzeptieren, um dann über seine verbal geschliffenen Boshaftigkeiten schmunzeln zu können. Daß ausgerechnet, die Blues-Sänger Sonny Terry und Brownie McGhee das Sklavertreiber-Lied „Sail Away“ am gründlichsten mißverstanden, gehört zu den unfreiwillig grotesken Witzen dieses Showbusiness: Sie interpretierten den Song als Lamento zweier alter Ex-Sklaven, die sich nach der guten alten Zeit zurücksehnen, als die Nordstaatler noch nicht den Sezessionskrieg gewonnen hatten und sie noch Sklaven sein durften.