München

Auf die Frage nach seiner politischen Zukunft lächelt er undurchsichtig wie eine Sphinx. Was wird er tun, der Münchener Oberbürgermeister Georg Kronawitter, der Ende dieser Woche dem Rathaus der bayerischen Landeshauptstadt nach sechsjähriger Amtszeit den Rücken kehrt? Wird er ein Frühpensionär, der sich 50jährig mit einem monatlichen Ruhegeld von 7500 Mark aufs Altenteil zurückzieht? Wohl kaum. Wenn in seinem Amtszimmer nun der kracherte Niederbayer Erich Kiesl das CSU-Banner aufzieht, dann wird Kronawitter trotz aller Enttäuschungen, die ihm die SPD bereitete, dorthin zurückkehren, wo er einst seinen Aufstieg begann: „Ich will an der Basis der Partei ein Kristallisationskern für die gemäßigten Kräfte sein.“

Das totale Engagement für den Volksparteiflügel der Münchener SPD, der von den pseudointellektualisierten Linken in jahrelanger Kleinarbeit um den Preis totaler Wahlniederlage zurückgedrängt wurde, kann sich für Kronawitter schon bald auszahlen. Dementiert hat er bisher nämlich nicht, daß er 1980 ein Bundestagsmandat anpeilt, wenn bis dahin die innerparteiliche Trendwende die „Rechten“ in der SPD wieder gesellschaftsfähig gmacht hat.

Sechs Jahre lang hat dieser Flügel in München nichts zu lachen gehabt. „Von der ersten Sekunde an hatte ich keine Mehrheit“, klagte Kronawitter jetzt bei seinem Abschiedsessen zwischen gefüllten Tauben und frischen Pilzen und fügte an: „Das war eine bittere Zeit für mich.“ 1972 von 55,9 Prozent der Münchener gewählt (CSU-Nachfolger Kiesl erhielt jetzt nur 51,4 Prozent), konnte er von Anfang an nur auf 23 der damals noch 45 Sozialdemokraten im 81köpfigen Stadtrat bauen. Er mußte wechselnde Mehrheiten suchen und Kompromisse schließen, mal mit der CSU, mal mit der FDP, und wenn das Glück es wollte, dann unterstützte ihn auch der linke SPD-Flügel. Dabei habe er selbst keinem einzigen Beschluß zugestimmt, der nicht vorher in der SPD-Fraktion abgesegnet worden wäre, sagt Kronawitter.

Die Partei ließ ihn, den Bauernsohn, früheren Agrarexperten und Oberstudienrat aus dem oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen, schlichtweg hängen. Ja, sie schoß in einem Augenblick, als Kronawitters Popularitätskurve längst der seines Vorgängers Hans-Jochen Vogel glich, sogar den größten Bock ihrer Geschichte und befand, zu einer zweiten Wahl könnte Kronawitter den Münchenern nicht mehr „vermittelt“ werden. Die aber hätten ihn bestimmt genommen, wie eine Umfrage ergab, die die CSU kurz vor Weihnachten aufschreckte. Danach wäre Kronawitter sogar dann wiedergewählt worden, wenn er im Alleingang ohne seine Partei angetreten wäre.

Mit seinem politischen Schicksal hadert er nicht. Heute erfüllt es ihn mit Genugtuung, daß ihn Münchens Bürger freundschaftlich auf der Straße „Schorsch“ nennen und daß sein von der CSU erfundener, von seinen innerparteilichen Gegnern kultivierter Schimpfname der Anfangszeit, „Kronawichtl“, längst von den Tatsachen überholt wurde. Und so verkneift es sich Kronawitter auch, in seinem nach Vogels Vorbild „Die Amtskette“ eben erschienenen Buch „München“ mit den linken Genossen abzurechnen. „Die Umstände waren alles andere als angenehm“, umschreibt er, der sich häufig als „ganz armen Hund“ sah, seine Kritik.

„Ich wünsche, daß dies meinem Nachfolger nicht passiert“, sagt der Sozialdemokrat im Blick auf seinen CSU-Nachfolger Kiesl. Den drücken kurz vor der Amtsübernahme noch andere Probleme. Nach 30 Jahren uneingeschränkter SPD-Herrschaft im Münchener Rathaus muß Kiesl seine Politik nun mit einer Verwaltung ausführen, die sich vom Referatsleiter bis zum Amtsboten nahezu ausschließlich aus Sozialdemokraten zusammensetzt. Acht der zwölf „hauptamtlichen Stadträte“, wie die Ressortleiter in München heißen, gehören der SPD an. Und darunter ist auch Kiesls Wahlgegner, der Kämmerer Max von Heckel, der den öffentlichen Sticheleien der CSU standhielt und nun verkündete, er denke gar nicht daran, seinen erst in vier Jahren endenden Vertrag vorzeitig aufzukündigen.