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Justitia vergoß schnapslange Mitleidstränen über die Angeklagten, riß sich überraschend doch noch zusammen und sprach ein leidlich vernünftiges, aber wirkungsloses Urteil: je sechs Monate Freiheitsentzug, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, für die Priester Ernst Alt und Wilhelm Renz sowie für das Ehepaar Josef und Anna Michel, die in Klingenberg am Main die 23 jährige Pädagogikstudentin Anneliese Michel am Hunger hatten sterben lassen, weil sie in ihr nicht die Epileptikerin, sondern eine Besessene sahen (DIE ZEIT Nr. 17/78).

Tränen? Die Staatsanwaltschaft hatte für die Priester nur Geldstrafe und für die Eltern Michel gar nur Schuldspruch ohne Strafzumessung beantragt. Die Verteidigung verlangte uni sono Freispruch. Tenor: Glaubensdinge seien im Spiel und müßten respektiert werden. Zumindest die Eltern Michel seien durch den Tod Annelieses schon hart genug getroffen.

Vernünftig? – Es handelte sich, juristisch betrachtet, um fahrlässige Tötung durch Unterlassen. Die Angeklagten hatten das Mädchen monatelang exorzistischen Übungen unterworfen, statt einen Arzt zu rufen. Bei einem Unterlassen aber hält sich das Strafmaß nun einmal in bescheideneren Grenzen als bei einem Tun.

Wirkungslos? – Den Angeklagten fehlte von Anfang bis Ende jedes Unrechtsbewußtsein. Da sie außer den Prozeßkosten, die sie tragen müssen, keinen tatsächlichen Schaden durch das Urteil haben, da sie mit einer Art gebührenpflichtiger Verwarnung davongekommen sind, werden sie sich auch im Nachhinein kaum eines Besseren besinnen.

War also der Prozeß nichts als ein Versuch an einer von der Wurzel her untauglichen Sache? Einen Verhandlungstag gab es, an dem die Gerechtigkeit eine Chance zu haben schien. Das war, als die psychiatrischen Sachverständigen Hans Sattes (Würzburg), Eberhard Lungershausen (Günzburg/Ulm) und Gert-Klaus Köhler (Duisburg) ihre Gutachten abgaben. Sie sprachen, wie es ihres Amtes war, nicht über Glaubensfragen, sondern über Epilepsie. Sie führten aus, wie diese Krankheit Wahn zur Folge haben kann und wie in Klingenberg der Wahn auf die Angehörigen Anneliese Michels übergegriffen hat.

An diesem Tag schien es, als fühlten sich die Angeklagten getroffen. Doch die Wirkung verflog. Der Rest war juristische Pflichtübung. Soviel über den Prozeß von Aschaffenburg.