Der Einfall, so könnte man frei nach einem noch immer nicht ganz unbekannten Dichter räsonieren, er war kindisch, aber göttlich schön. Den beinahe fünfzig Tourismus-Straßen, die es bereits gibt, von der echten Salzstraße bis zur echten Bergstraße, von der künstlichen Burgenstraße bis zur künstlichen Weinstraße, eine weitere hinzuzufügen: Was soll’s?

Der Impuls kam aus dem Geburtsort des oben zitierten Dichters. Friedrich Pfäfflin, rühriger Kustos des Schiller-Nationalmuseums in Marbach am Neckar, war der spiritus rector. Die Kur- und Verkehrsdirektoren des Schwabenlandes nahmen seine Idee begeistert auf und drehten ein bißchen daran. Das Ergebnis wurde jetzt "der Presse" vorgeführt.

"Der Schelling und der Hegel, der Schiller und der Hauff, das ist bei uns die Regel, das fällt hier gar nicht auf", deklamiert man bescheiden in Tübingen.

Tübingen wurde übrigens noch nicht vorgestellt. Auch Horb nicht und nicht Blaubeuren, nicht Biberach und nicht Meersburg. "Voll ausgebaut" ist die Schwäbische Dichterstraße bisher erst nördlich von Stuttgart.

Freilich handelt es sich, das muß zugegeben werden, nicht geradezu um eine Straße, sondern eher um ein Straßengeflecht, das sich von Mörikes Bad Mergentheim im schwäbisch-fränkischen Norden gen Süden zieht bis nach Annette von Droste-Hülshoffs Meersburg am Bodensee. Zur Nord-Süd-Schiene kommt dann einigermaßen unvermutet noch eine kräftige Ost-West-Achse, von Calw nach Aalen. Die "Straßen"-Fiktion mußte darunter leiden. Aber orientiert sich Literatur an Straßen? Und konnten die Reise-Veranstalter es wagen, den Geburtsort des schwäbisch geborenen Nobelpreisträgers der Literatur herauszulassen, nur weil er eigentlich zu weit westlich von "der Straße" liegt? Am Marktplatz 6 zu Calw erblickte 1877 Hermann Hesse das Licht dieser Welt.

Im Vorwort zu einem durchaus lesenswerten Buch "Schauplätze der Weltliteratur" (München 1976) schreibt Dietmar Grieser: "Es ist der sinnliche vom asketischen Leser zu unterscheiden. Wo dieser, Purist und Puritaner, mit der bloßen Textaufnahme sein Auslangen findet, drängt es jenen, den Romantiker, auch zu physischer Annäherung an sein geliebtes Werk... Der Leser, der mit einem Stück Dichtung nicht nur im Imaginativen, sondern auch auf der sinnlichen Ebene intim werden will, kann dies beispielsweise tun, indem er ihm entgegenreist..."

Grieser hat dann freilich dem Leser keinen Reisevorschlag, sondern, bezeichnenderweise – ein Buch zu unterbreiten, das "ein literarischer Reiseführer" (wie der Untertitel behauptet) eben nicht ist, da es keine Reise-Informationen gibt.