Berlin

Eine expansive Kulturpolitik soll der Ära des neuen Westberliner Kultursenators, Dieter Sauberzweig, den entscheidenden Akzent geben; der derzeitige kulturpolitische Favorit heißt deshalb "kulturelle Außenkontakte und hat zum Ziel, den Westberliner Kulturproduzenten einen staatlich subventionierten Ausgleich für die bekannten Standortnachteile zu verschaffen. Außerdem sollen kulturelle Exporte natürlich auch das Image der Stadt draußen verschönern.

Bisher war die Kulturverwaltung auf dieser Linie freilich recht glücklos, und gerade jetzt setzt ein neues Vorhaben die sogenannte Szene in negative Bewegung, die allerdings diesmal nicht von der Verwaltung, sondern von egoistischen Künstlerinteressen produziert wurde. Es geht um eine Ausstellung Berliner Künstler in London. Dort ist, für den kommenden Herbst, getragen unter anderem vom Auswärtigen Amt, eine umfangreiche Präsentation deutscher Kunst geplant. Den Schwerpunkt im Programm wird eine von Wieland Schmied konzipierte Ausstellung bilden, die die Londoner mit der "neuen Sachlichkeit" bekannt machen will.

Einen speziellen Akzent in diesem Programm sollen die Berliner setzen dürfen, mit einer Ausstellung aktueller Kunst. Dieses Teilprojekt ist zur Zeit aufs höchste gefährdet, wenn die Verwaltung nicht rasch richtig reagiert. Denn der bisherige Verlauf der Dinge ist bestens geeignet, einen Berliner Skandal auf Londoner Bühne auszutragen.

Die Verwaltung, dieser Vorwurf ist ihr allerdings zu machen, hat die Vorbereitung des Projekts unverständlicherweise verzögert. Aus dieser Trägheit versucht nun aber eine Künstlergruppe spekulativ Kapital zu schlagen. Denn während der Senat in Warteposition verharrte, machte sich der freischaffende Kunstschriftsteller und -manager Christos Joachimides auf eigene Faust auf nach London. Er verhandelte mit den dortigen Stellen, erhielt von berlinfreundlichen britischen Kulturfunktionären wie auch vom Londoner Goethe-Haus gewisse Zusagen, etwa Ausstellungsräume betreffend. Dann präsentierte er sein Konzept dem Senat. Der aber erklärte, daß nie ein Auftrag für solche Aktivitäten erteilt worden sei und deshalb auch nicht finanziert werde. Er beauftragte nun seinerseits, über die Hochschule der Künste, den Kunsthistoriker Ekkard Gillen, der ein Konzept entwickelte, das unter dem Titel "The Twenties meet the Seventies" die Brücke von der Neuen Sachlichkeit zum Heute schlagen soll.

Diese Idee fand Gegenliebe bei den Engländern. Allerdings überschneiden sich die beiden Konzepte, was die beteiligten Künstler betrifft, um die zehn Namen, die auch Joachimides für sich gebucht hat. In der Gewißheit, über Joachimides eine privilegierte Sonderausstellung in der prominenten "Whitechapel Gallery" zu erhalten, lehnten diese Künstler eine Teilnahme an der offiziellen Senatsausstellung ab. Zunächst ist das verständlich, weshalb sollen sich Künstler um die verständlich, kümmern, die zwei konkurrierende Ausstellungen in London verursachen?

Anderer Meinung war jedoch Sarah Kent vom ICA (Institute of Contemporary Arts), wo die Senatsausstellung stattfinden sollte. Sie bat um einen gütlichen Kompromiß, denn das Londoner Publikum würde sicher kein Interesse für interne Berliner Künstlerkonkurrenzen zeigen. Keine Ausstellung, so ihr Votum, wäre sicher besser als zwei.