Von Walter Jens

Buenos Dias Argentina, so heißt meine Melodie, und sie soll uns zwei verbinden mit dem Band der Sympathie: Udo Jürgens’ Lied (die Nationalmannschaft summt und brummt im Hintergrund mit) gilt einem Land, in dem es nach vorsichtiger Schätzung achttausend politische Gefangene und fünfzehntausend Verschollene gibt: Menschen, die man im Haus und auf offener Straße verhaftete und ins Gefängnis, in Extrahaft, zur nächsten Polizeistation brachte – dorthin, wo sich ihre Spur sehr schnell verliert.

Buenos Dias Argentina, komm wir reichen uns die Hand: Da wird die Liebe in einem Land beschworen, das neben dem zärtlich besungenen Rio de la Plata und der obligaten roten Sonne über eine Reihe von Lokalitäten verfügt, in deren Umkreis zwar auch musiziert, wird (nicht nur die Schnulze à la Jürgens, sondern sogar klassische Musik kommt dort zu Gehör) – doch dies allein deshalb, um die Schreie der Gefolterten zu übertönen.

Buenos Dias Argentina: Die Fußballreise geht in ein Land, an dessen Foltermethoden gemessen die Praktiken der SA, anno 36 zur Zeit der Olympischen Spiele, sich eher grobschlächtig ausnehmen. Weit schlimmer als die Militärs, wird berichtet, ist die Polizei mit ihrer Devise „erst schießen, dann fragen“, und schlimmer als die Polizei noch sind die Garden der Rollkommandos, die ihre Opfer in den Fluß oder auf den Abfallhaufen werfen – sofern sie es? nicht vorziehen, die Gemarterten in einem Steinbruch in Stücke zu sprengen. (Nachzulesen in Amnesty International’s Argentinien-Report.)

... mit dem Band der Sympathie: Die Mannschaft und die Funktionäre, die Reporter und die Schlachtenbummler reisen in einen Staat, der zumindest siebenundzwanzig ihrer Landsleute – manchen in diesem Augenblick, manchen für immer – auf dem Gewissen hat. Auf dem Gewissen wie jene Elisabeth Käsemann, die in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1977 in BuenosAires von der Militärpolizei verhaftet, danach gefoltert, in der Kaserne des Stadtteils Palermo eingekerkert und schließlich – auf welche Weise, das ist bis heute unklar geblieben – von Henkern hingerichtet wurde, die in der Gegend des Ortes Monte Grande, ein paar Wegstunden von Buenos Aires entfernt, offenbar eine theatralische Schau inszenierten, indem sie die Leiche der Ermordeten, bewährten Mustern folgend, auf einem als Kampfplatz etikettierten Areal deponierten: In einem Gefecht mit den Montoneros erschossen. (Ernst Käsemann hat im August des vergangenen Jahres die Ermordung seiner Tochter minuziös belegt – nachzulesen im Augustheft der „Evangelischen Kommentare“.)

Und dann gibt es – nicht minder exakt dokumentiert – den Fall des vierundzwanzigjährigen Maschinenbaustudenten (inskribiert an der TH München) Klaus Zieschank: Von vier Männern mit Maschinenpistolen vor seinem Ferienarbeitsplatz, einer Autokolbenfabrik in Buenos Aires, gekidnappt, in Fesseln zu seiner Wohnung gebracht; die Räume, in Gegenwart der Mutter, geplündert, Schmuck, Elektrogeräte und Decken geraubt – und dann auf und davon – und bis heute keine Spur von Klaus Zieschank... keine deutlich erkennbare zumindest: Auf einer Polizeistation soll er gewesen sein, von Militäreinheiten in Untersuchungshaft transportiert, vom Geheimdienst SIOE in Gewahrsam, gehalten. (In Gewahrsam als lebendiger Toter wahrscheinlich. Eine Mitgefangene berichtet, sie habe Zieschank ohne Kapuze gesehen, so daß er die Möglichkeit gehabt hätte, seine Folterknechte genau zu erkennen. Dies aber werde, im Bereich der grauen, von amtlichen Stellen mehr oder minder gedeckten Polizei nur den Todeskandidaten erlaubt.)

Buenos Dias Argentina Die Berichte der Gefolterten, von Senatoren des Landes dem argentinischen Senat und der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen unterbreitet, machen den fröhlichen Gruß zu einer Geste, die im besten Fall makaber ist.

Fußball und Folter, das Spiel auf dem Rasen und die Tortur in den Zellen, durchgeführt von parapolizeilichen Gruppen, Von Roll- und Todeskommandos, die berüchtigte AAA, die Antikommunistische Allianz Argentiniens allen voran, die Ovationen in den Arenen und die Schreie in irgendwelchen Vorstadthäusern, wohin Kapuzenmänner ihre Opfer bringen – Auskunft der Behörden gegenüber dem französischen Ex-Admiral Sanguinetti: „Wir wissen wenig von diesen Leuten“. Hüben die Debatten über Abseits oder nicht Abseits und drüben die Qual der geschundenen Kreatur. Zeuge Jaime: „Dann begannen sie mit dem, was sie „elektrische Birne“ nannten, einem Instrument, das sie in den After einführten.“ Zeuge Gallardo: „Sie folterten mich mit einem System, das sie submarino nannten. Es besteht darin, daß man einen Behälter mit kleinen Löchern über den Kopf stülpt und um den Hals schließt“. Auf der einen Seite das Stadion und auf der anderen, ein paar Steinwürfe weit entfernt, das Gefängnis: Kein Wunder, daß dies Miteinander die Öffentlichkeit, nicht Zuletzt in Erinnerung an das Geschehen von 1936 (Jesse Owens auf dem Podest, Carl von Ossietzky am Stacheldrahtzaun), denn doch mobilisiert hat.

In Schweden und Frankreich wurde zum Boykott aufgerufen; diesem Regime keinen französischen Spieler, hieß die Devise von Männern wie Aragon und Yves Montand, von Sartre und Arrabal. Auch Simone Signoret unterzeichnete den „Appel pour le Boycott de l’organisation par Argentine de la coupe du monde de football“.

Die Weigerung, Zur weiteren Etablierung eines Regimes beizutragen, das von Menschenrechten nicht das Geringste und von Folter sehr viel hält, war – und ist weltweit. Und es sind nicht nur die Künstler und nicht nur die Linken, die den argentinischen Hitler-Trick „Durch Sport zum Ruhm“ denunzieren, auch ein Mann wie Hollands Ministerpräsident hat mit Entschiedenheit betont (und das nicht im stillen Kämmerlein, sondern vor den Fernsehkameras in aller Öffentlichkeit), er stünde der Aktion gegen die Entsendung der niederländischen Nationalelf nach Argentinien nicht ohne Sympathie gegenüber.

Und dagegen nun wir, die Bundesrepublik Deutschland – wo ist bei uns ein Olof Palme oder Andries van Agt? Wo bleibt der Protest – ein Protest wohlgemerkt, der mitnichten zu verschweigen braucht, daß es Folter und Terror längst vor dem Junta-Putsch in Argentinien gegeben hat: Schon unter Isabel Peron regierte, von Profis auskalkuliert und zum System erhoben, das Faustrecht; es waren nicht die Schlechtesten, die von der Junta Befreiung von Armut und Terror erhofften. Statt dessen kam es nur schlimmer; DFB-Präsident Neuberger – („Die Wende zum Besseren trat mit der Übernahme der Macht durch die Militärs ein“) hat offenbar etwas flüchtig gelesen: die Berichte im Monde zum Beispiel oder in den großen amerikanischen Zeitungen.) Wo also bleibt der Protest gegen ein Regime, das – reden wir einmal nur davon – unsere Landsleute von der Straße weg verhaftet, foltert, verschwinden läßt, tötet? Und wenn schon kein Protest, dann doch zumindest die Frage – aufgeworfen und mit allen Konsequenzen von Politikern und DFB-Funktionären lurchdacht – und nicht nur von Amnesty International, von „Kennzeichen D“, den großen Zeiungen und Illustrierten im Land... die Frage, ob man über die Ermordung von Elisabeth Käsemann oder die Verschleppung Klaus Zieschanks (es steht zu befürchten, daß auch er getötet worden ist) wirklich, so wie’s geschieht, mit einem Achselzucken hinweggehen kann: Was wollt ihr denn, hier geht es um Fußball, und damit basta?

Wie schwer haben es sich demgegenüber 1936 die Amerikaner gemacht; welcher Tricks und Kniffe mußte sich Avery Brundage bedienen, um am Ende mit hauchdünner Mehrheit den mit dem Blick auf die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland vorgeschlagenen Boykott zu verhindern – aber selbst ein Brundage. hätte nicht die geringste Chance gehabt, wenn Amerikanern, Juden zum Beispiel, im faschistischen Deutschland so mitgespielt-worden wäre wie den Studenten aus der Bundesrepublik in Buenos Aires.

„Teilnahme – ja oder nein“: Das war nach 1933 eine Frage, die in den USA den Charakter einer Haupt- und Staatsaktion gewann. (Nachzulesen in der Dissertation Arnd Krügers „Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung“ – einer 1972 erschienenen Studie, die drei Jahre später durch das Buch „Sport und Politik“ ergänzt wurde – beides Schriften, deren Lektüre allen Argentinienfahrern dringend angeraten sei.) Wie anders bei uns! Als im vergangenen Sommer ein evangelischer Laie, ein Presbyter und Arzt, die Frage aufwarf – die Frage! Nichts weiter, als das! –, ob unsere Fußballfunktionäre, bei Gelegenheit des Freundschaftsspieles gegen Argentinien, auch einmal in den Regierungspalast gegangen seien, um den Militärdiktatoren die Verachtung der Menschenrechte in ihrem Land vorzuhalten, da „verwahrte sich der Deutsche Fußball-Bund“, so Präsident Neuberger an den Intendanten des Saarländischen Rundfunks, „mit aller Entschiedenheit gegenüber den Äußerungen des Herrn Dr. Helmut Franz“, da wurde der Briefpartner ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß sich „solche Dinge nicht wiederholen“, da teilte der Fußballpräsident der Öffentlichkeit mit, was er, der Direktor des Saarlandtotos – nein, nicht nur er: der ganze Deutsche Fußball-Bund! – sich unter christlicher Verkündigung vorstele:

„Der Deutsche Fußball-Bund“, so Hermann Neuberger in der ihm eigenen Diktion, „vertritt die Auffassung, daß der Kommentator in diesem Fall völlig an seiner eigentlichen Aufgabe vorbei sprach und sich um Dinge kümmerte, die auf einem ganz anderen Sektor zu... behandeln vären als in einem Wort zum Sonntag, das doch wohl in erster Linie den Menschen zur Besinnlichkeit auf den nahenden Sonntag einstimmen sollte, den gläubigen und bekennenden Christen darauf, den Alltag einmal abzustreifen und die Nähe Gottes zu suchen, in Gedanken, in Worten, in Taten.“

In der Tat, schöner kann man’s wirklich nicht sagen; erhebender hat nicht einmal Wilhelm II. gesprochen – und Bild auch nicht. „Zur Besinnlichkeit einstimmen“, „den Alltag einmal abzustreifen“: Das ist die Idylle, die sich im lilanen Jesusbild über dem Schlafzimmerbett manifestiert; der erbauliche Kitsch als Pendant des heroischen Pathos: Innerlichkeit („die Nähe Gottes suchen“) und martialische Geste („... daß solche Dinge sich nicht wiederholen“) gehören, so scheint es, auch im Fußball zusammen wie Ideologie und Realität.

Hermann Neuberger sprach, Franz Mai stimmte zu (der Briefwechsel der beiden saarländischen Honoratioren sollte in allen Schulbüchern stehen: als deutsche Parabel von 1977), und der Fall „Fußball und Politik – das Lehrstück Argentinien“ schien, ex cathedra, ein für allemal entschieden, erledigt zu sein. Der Bundestrainer schloß sich der Beurteilung des Präsidenten an: Politik sei eins, der Sport ein anderes („was ich [in Argentinien] gesehen habe, ist die Tatsache, daß das Sportliche sich in jeder Weise durchsetzen kann“); im Lande ginge es geregelt zu („ansonsten haben wir... nichts gesehen, von dem ich sagen könnte, es handele sich, um eine ausgesprochene Diktatur“), und was in Sonderheit den Fußball angehe, so habe man allen Grund, den Militärs geradezu dankbar zu sein: „Ich konnte mich dem Eindruck nicht entziehen, daß Argentinien vor der militärischen Machtübernahme diese Weltmeisterschaft möglicherweise nicht zustande gebracht hätte.“ (Die Zitate entstammen dem Interview mit Helmut Schön in den Evangelischen Kommentaren März 1978.)

Und so reden am Ende denn alle mit einer Zunge, der Präsident, der Trainer und die große Mehrheit der Spieler: „Militär stört mich nicht. Ich hoffe, wir kommen weit.“ (Klaus Fischer) „Nein, belasten tut mich das nicht, daß dort gefoltert wird.“ (Manfred Kaltz) „Daran denke ich nicht. Ich habe ja auch kein schlechtes Gewissen, für zweihundert Mark zu essen, und in Indien hungern welche.“

Gewiß, es gibt auch andere Stimmen: Sepp Maier (zuerst, sehr entschieden, dann, im Aktuellen Sportstudio, schon wesentlich leiser: Hatte da jemand in der Zwischenzeit mit ihm geredet?), Rudi Kargus, Herbert Neumann, Rudi Seliger waren bereit, sich für die Gefangenen zu verwenden, andere hatten schlichtweg Angst, „Angst vor der Kanone im Anschlag“ (Heinz Flohe). „Der Haken ist“, so Manfred Burgsmüller, „wenn wir uns stark machen, erleben wir da drüben vielleicht böse vier Wochen“. Und wieder andere, Kapitän Berti Vogts an der Spitze, suchten das Problem Argentinien durch einen Hinweis auf die Olympiade 1980 in Moskau zu erledigen: Ob man da etwa auch zu protestieren gedenke?

Und da, am Ende, gingen sie denn doch noch einmal hoch, die so behutsam geglätteten Wellen: Die Frankfurter Allgemeine konstatierte zu Recht, die Auslassung Vogts könne als eine Rechtfertigung argentinischer Zustände aufgefaßt werden, und stellte die Frage, ob man einen Sohn, der sich aufs Fußballspielen verstünde, eigentlich guten Gewissens in die Obhut eines Jugendtrainers namens Berti Vogts geben könnte – worauf die Welt replizierte: „Der deutsche Fußballbund ist für seine Wahl eines Jugendtrainers Vogts zu beglückwünschen.“ Antikommunismus als Qualitätsausweis, Ignoranz als Ausweis strammer Gesinnung: Was muß ein Fußballspieler – und ein Journalist der Welt! – auch schon wissen, daß Amnesty International, dem Schah so verhaßt wie jenen Stalinisten, die die Gefangenenorganisation als Unterabteilung des CIA einstuften – was muß er wissen, der Kicker und sein Claqueur, daß für Amnesty ein politischer Gefangener ein Mensch ist, dem geholfen werden muß, wo immer er gequält, in Anstalten gesperrt, getötet wird?

Was also ist zu tun: in einem Augenblick, wo es um, den Aufbruch in ein Land geht, in dem, handgreiflicher als 1936, das Stadion neben dem Konzentrationslager (beziehungsweise dessen über das Land verteilten Baracken, Kellern und Gelassen) liegt? Ich denke, daß es darauf ankäme, folgende sieben Punkte zu realisieren.

Erster Punkt: Die These Georges Marchais’, der sich im Unterschied zu Mitterrand gegen einen Boykott der Fußballweltmeisterschaft ausgesprochen hat, scheint mir die einzige vernünftige zu sein: Unter dem Aspekt der Menschenrechte kann man, nimmt man es mit ihrer Verteidigung ernst, nur noch in wenigen Ländern Fußball spielen – das gilt für den Osten genausogut wie für den Westen.

Zweiter Punkt: Da idealistischer Rigorismus den boykottierenden auf die Dauer sowohl national als auch international in die totale Isolation führen würde, hängt nunmehr alles davon ab, ob es gelingt, die argentinische, 1936 zum erstenmal erprobte These „Sport dient der Politik“ umzufunktionieren. Der Organisator der Spiele, Brigadegeneral Merlo, müßte ad absurdum geführt werden. Sein Satz „Die Weltmeisterschaft mit ihren 35 000 erwarteten Touristen und den mehr als 1500 Millionen Fernsehzuschauern hilft dem Ansehen Argentiniens mehr als Hunderte von politischen und diplomatischen, Erklärungen“, ist in sein Gegenteil zu verkehren: Es dürfte keine Rundfunk- und Fernsehübertragung geben, in der nicht, wieder und wieder, auf die Diskrepanz zwischen dem schönen Schein und der bitteren Wirklichkeit, zwischen angestrahlter Fassade und tristem Hinterhofdasein hingewiesen wird. Die Reporter werden lernen müssen, über die Stadionränder hinauszublicken – die Hörer und Seher haben ein Anrecht darauf.

Dritter Punkt: Spieler, Funktionäre, Berichterstatter und Zuschauer sollten die Möglichkeit haben, sich am Beispiel der Olympischen Spiele von 1936 über die propagandistische Bedeutung zu unterrichten, die dem Sport als einem die Identifikation mit dem Regime befördernden Element zukommt – einem Element, das zur Bestätigung des schönen Scheins so nützlich ist wie die Kaschierung der grauen Realität. Man darf damit rechnen, daß es am Hof des großen Videla nicht anders zugehen wird als, anno 36, bei Goebbels und Göring: „Nach der Begrüßungsrede des preußischen Ministerpräsidenten Generaloberst Göring, der im Namen der Reichsregierung, die sich als Dolmetsch des gesamten deutschen Volkes fühlt, die Erschienenen willkommen hieß“, so die offizielle deutsche Olympiazeitung über den Empfang in der Staatsoper, „gab Reichsminister Dr. Goebbels dem Wunsch des Führers und der Reichsregierung Ausdruck, daß diese Olympischen Spiele das Untereinanderkennenlernen der Völker weiter fördern möge. Aus einem solchen Kennenlernen würde dann ein Schätzenlernen, und dies sei allein die Grundlage für die Verständigung der Völker, die wir alle ersehnten.“ (Drei Jahre später hörte man’s anders.)

Kein Zweifel, so wird er reden, der General inmitten seiner Polizei – und auch das Ambiente wird genauso sein wie in Berlin: „Festräume in vorbildlichem Gewand,, kurze und treffende Reden, schöne Frauen und führende Männer aus allen Ländern der Welt – eine olympische Spitzenleistung von Harmonie und Schönheit: Der Empfang der Reichsregierung in der Staatsoper.“ (Ossietzky und Mühsam freilich fehlten beim Bankett – und nicht nur sie.) Leutselig wird sie sich geben, die Junta – „Es war die Parole ausgegeben worden: Freut euch des Lebens“, schrieb die Olympiazeitung über das Gartenfest Hermann Görings –, und ganz Buenos Aires wird leuchten, genauso wie damals, fern von Oranienburg, Berlin geleuchtet hat: „Die Gigantenstadt an der Spree hat ihr Antlitz verschönert und ihre ehrwürdigsten Türme und Mauern scheinen wieder jung geworden zu sein, seit alle Sprachen der Erde durchhalten und die begnadete Jugend der Spiele ihren Einzug gehalten hat.“ Potemkinsche Dörfer – damals so gut wie heute: Keine Schilder „Juden unerwünscht“, kein Hinweis auf „picana“ und „submarino“, die Foltergeräte – nur der la Plata und die rote Sonne am Himmel!

Vierter Punkt: Keine Anbiederei beim Regime – aber auch kein folgenloses Happening – zwischen dem Hitlergruß, wie ihn viele ausländische Sportler 1936 dem Führer entboten, zum Teil sogar auf Weisung ihrer Regierung (Das Foreign Office, dies belegt eine neuere englische Darstellung–James Walvon: The peoples gerne –, ordnete den Gruß mit erhobener Hand für die britische Nationalelf ausdrücklich an)... zwischen Devotheit und blinden Aktionen, die zugunsten des Regimes ausmünzbär sind, gibt es einen Mittelweg. („Mein Name ist Heinemann, was führt Sie zu mir?“ fragte, mit brechtscher Diplomatie unser Präsident einst den Diktator aus Südvietnam.)

Fünfter Punkt: So richtig es einerseits ist, daß der Sport kein World court ist (Brundage), keine Superinstanz, die zu glücklichem Ende führt, was in Belgrad mißlang (Neuberger), so groß ist seine Möglichkeit, im Hier und Heute humanisierend zu wirken: Ein energischeres Nachfassen in der Judenfrage, dies zeigen die Dokumente, hätte manchem Verfolgten das Leben gerettet; ein unerbittliches Auskunftheischen in Sachen Folter und Mord wird, wenn es ebenso behutsam wie konsequent durchgeführt wird, in Argentinien mehr als einen vor dem Schlimmsten bewahren.

Sechster Punkt: Über Fragen, die sich aus dem Problem „Der Sport als Substitut der Politik – angewendet auf den Fall Argentinien“ ergeben, ist innerhalb des DFB offen zu diskutieren, offen und kontrovers. Eine Maulkorb-Politik, wie sie der Pressesprecher mit nimmermüdem Elan artikuliert, von oben herunter ins Volk, kann sich ein Regierungssprecher allenfalls in autoritären Staaten leisten – dort, wo es, wie im DFB, keine Opposition gibt. „Es ist von Breitner unerhört, Hermann Neuberger und Helmut Schön als politisch ahnungslos hinzustellen.“ (Wieso eigentlich unerhört: Die Sentenzen beider Herren sprechen doch wohl für sich selbst – oder nicht?)

„Über unser Auftreten in Argentinien benötigen wir keine Ratschläge, schon gar nicht von Herrn Breitner. Wir wissen selbst, wie wir uns zu verhalten haben.“ (Das ist, mit Verlaub, Kasinoton, aber keine argumentierende Rede: Ein Jammer, daß der DFB sich immer nur durch seine wilhelminischen Marktschreier, mit ihrem falschnaßforschen Pathos und der Gartenlauben-Lyrik, und nie durch jenen Mann artikuliert, der leise, intelligent, konzeptionsreich und geduldig – dazu im Besitz einer Eigenschaft, die den DFB-Präsiden am meisten fehlt, der Selbstironie – die eigentliche Arbeit im Hintergrund tut, den Generalsekretär Hans Paßlack.)

Letzter Punkt: Die Bundesregierung sollte Versäumtes nachholen und die Chance der Weltmeisterschaft nützen, um den bedrohten Landsleuten, stellvertretend für die zwanzigtausend Verfolgten, zu ihrem Recht zu verhelfen; sie sollte darüber hinaus die Mindestforderungen von Amnesty International (Aufnahme politischer Gefangener in unserem Land, Einsetzung einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung jener Zustände in Argentinien, die gegen die simpelsten Menschenrechte verstoßen) mit Entschiedenheit und Konsequenz verfolgen. Wer zum Schluß siegt, im Stadion, das ist gewiß von großem Belang. Doch wer, infolge der Weltmeisterschaft, aus dem Kerker freikommt – das ist am Ende doch noch wichtiger.

Ich bin sicher, wir sind darin einer Meinung, Herr Präsident, Herr Bundestrainer, Herr Kapitän.