Die Deutschen in der amerikanischen Publizistik

Von Barbara Ungeheuer

Kürzlich schrieb die New York Times in einem Artikel über Deutschlands Vergangenheit: "Jedes Land konzentriert sich auf den Aspekt des Zweiten Weltkriegs, der ihn im Kern getroffen hat. Für England ist es der Luftkrieg (Blitz), für Deutschland das wirtschaftliche und politische Chaos der Weimarer Republik, für Frankreich der Widerstand, und für die Vereinigten Staaten sind es die Vernichtungslager.

Diese amerikanische Haltung gegenüber dem "Holocaust", dem englischen Wort für Vernichtung und seit 1945 das amerikanische Synonym für die Menschenausrottung im Dritten Reich, hat vielerlei-Gründe. Einer der offensichtlichsten ist die herausragende Stellung der sechs Millionen amerikanischer Juden, deren Beitrag zur Kultur und Wissenschaft dieses Landes weit größer ist als irgendeiner anderen Volksgruppe.

Alptraum der Kindheit

Und es ist die Erfahrung, von vielen Juden mit Deutschland gemacht, die das Mißtrauen Deutschen gegenüber wachhält. Während man in Frankreich weiterhin die Heldentaten der Widerstandskämpfer dem Fernsehpublikum vorführt, zeigt man in den Vereinigten Staaten nur noch selten die alten Propagandafilme à la Hollywood. Heute sind es deutsche und alliierte Nachrichtenfilme. So läuft seit zwei Jahren in ständiger Wiederholung auf einem der Fernsehkanäle das Endlösungssegment der englischen Dokumentationsserie "The World at War". Im letzten Jahr erschien im Sonntagsmagazin der New York Times eine Titelgeschichte über die Erben des Holocaust. In Interviews mit Kindern werden die traumatischen Erlebnisse der Eltern beschrieben, aber auch das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern, und das Bewußtsein der Kinder selbst.

Der 30jährige Steuerberater Al Singerman kennt und versteht bis heute seine Eltern nicht: "Mir kommt es so vor, als ob sie nie mit mir gesprochen hätten, außer mir zu sagen, was die Deutschen ihnen angetan hatten, was die Deutschen mit den Händen, den Fingernägeln, dem Rücken meines Vaters gemacht haben, und wie meiner Mutter der Kopf eingeschlagen wurde. Ich konnte nie länger als zehn Minuten, allerhöchstens fünfzehn Minuten lang zuhören, dann schrie ich: Hört auf, ich will nichts mehr hören."