Niedersachsens Regierungskoalition ist in Gefahr. Der Grund: Geldnot. Ein Brandbrief an den "sehr geehrten Herrn Gross", unterzeichnet von Wilfried Hasselmann und Philipp von Bismarck, machte die Klemme jetzt publik. Der Landesvorsitzende der niedersächsischen CDU wandte sich gemeinsam mit seinem Schatzmeister an potente Bürger und bat um Bares. Rötger Groß, Landesvorsitzender der FDP in Niedersachsen und Innenminister, erhielt mit einigen schmeichelhaften Artigkeiten über seinen Beruf, seine "Übersicht", seine Ausbildung und Einflußmöglichkeiten vorab die verpflichtende Begründung für das, was die Christdemokraten von ihm erwarteten: er trage "erhöhte politische Verantwortung".

Derartig festgelegt, las Groß alsdann eine Beschreibung von zwei Jahren politischer Landesgeschichte, sehr kompakt, sehr christdemokratisch. Der Folgerung aus diesem Niedersachsen-Bild mußte er jedoch mit liberaler Distanz gegenübertreten: "Um diese Arbeit fortsetzen zu können, braucht die CDU bei der Landtagswahl am 4. Juni ein überzeugendes Votum der Wähler." Rötger Groß soll ihr dazu verhelfen. Der als Sympathisant angeschriebene Innenminister soll "auch die weniger interessierten Wähler sachgerecht... informieren und zur Teilnahme an der Wahl... gewinnen".

Der vermutete Wahlhelfer hat wahrhaftig keine nebensächliche Rolle dabei, das machte der Brief ihm klar. Für die CDU ist sein Einsatz von Wichtigkeit: "Wenn Sie uns hierbei in Ihren täglichen Gesprächen und Kontakten unterstützen könnten, wäre dies bereits eine große Hilfe."

Groß hat das gleich versucht. Im Kabinett hat er mit Eduard Pestel gesprochen, dem parteilosen Wissenschaftsminister. Der Freidemokrat erhielt beruhigende Versprechen. Auch mit seinem Oldenburger Parteifreund Erich Küpker sondierte der Liberale das Thema. Dieser gab keine Zusage, betonte jedoch, seine Position sei die der Partei: nach allen Seiten offen.

Bange wurde es Niedersachsens Chefliberalem beim Schlußsatz des Christdemokraten-Bittbriefs: "Wir bitten Sie..., uns finanziell zu helfen." Bei diesem Klageruf konnte der Angebettelte aus eigener Parteierfahrung ahnen, woran es der Koalitions-Schwester am dringendsten fehle. Groß nahm seinen Kollegen Hasselmann daher bei einer Sitzung beiseite: "Brennt’s so sehr?" CDU-Bundesschatzmeister Walter Kiep, für die Finanzen auch in Niedersachsens Regierung zuständig, hakte für Hasselmann ein: "Na, wieviel geben Sie?"

Frau Groß packte ein "CCP", wie ihr Sohn es nannte: ein "Christdemokraten-Care-Paket". Neben einer Kabinettsliste mit Kennzeichnung der Parteizugehörigkeit des Innenministers bekamen die armen CDU-Politiker einen selbstgestrickten Pullover für Staatsjagden, Bleistifte und ein unbenutztes Schulheft für die Buchführung der Spendeneingänge, Gesangbücher und ein Spar-Schwein. Auch Geld gab Groß: 11,95 Mark, für Wilfried Hasselmanns Lieblings-Heideschnaps "Ratzeputz". Die Spendensumme wurde in einem Begleitbrief erklärt: "Sie sind in Not. Ich helfe gern. Ist es für die Niedersachsen-CDU schon fünf vor zwölf?"

Wohl kaum. Sie hat ja einen Koalitionspartner.

Joachim Holtz