Ein Frühlingsmärchen: Drei Jahre schon leben die guten deutschen Autohersteller in Saus und Braus. Auch im vierten werden ihre Scheunen wieder wohlgefüllt sein. Da kam einem von ihnen ein Gedanke. Er sagte zu sich und zu seinen vielen lieben Kunden: Wir wollen heute etwas Besonderes tun, etwas, was wir noch nie getan haben. Der Frühling ist da. Und darum soll euer blecherner Liebling ein bißchen billiger werden.

Die rauhe Wirklichkeit: Die Metall-Tarifverhandlungen sind gelaufen. Der Rauch von Schimpf und Gegenschimpf ist verflogen. Und die Autopreise machen sich ans Klettern, wie in jedem Frühling. Das Karussell der Ankündigungen ist unerbittlich angelaufen. Die Frage ist nur noch: Wer schwingt sich wann wie tollkühn drauf?

Das, was in anderen Branchen möglich ist, daß die Preise sich in beiden Richtungen bewegen, gilt nicht für den Automarkt – ob er nun im Boom ist, oder in tiefer Rezession. Benzin kann billiger und, teurer werden, bei Kartoffeln, Kühlschränken, Schweinekarbonaden oder HiFi-Anlagen bekriegen sich die Anbieter in heftigen Preiskämpfen. Nur bei Autos gelten offenbar andere Gesetze. Da findet der Wettbewerb über den Preis nicht statt.

Da muß kein Hersteller bangen, ob der Markt seine Preisvorstellung auch akzeptiert. Die Preise werden "angepaßt". Dem Markt etwa? Auf diese Idee käme niemand. Den Kosten wird der Preis angepaßt. Und da die steigen, steigt der Preis. Der Markt schluckt’s, das weiß man längst. Und das ist ja auch eine sehr schöne Gewißheit.

Dazu drängen sich natürlich Fragen auf. Ganz banale wie die: Bleiben Benzin- und Kühlschrankhersteller von Kostensteigerungen verschont? Oder die: Wer war das noch, der immer gesagt hat, der Markt bestimme den Preis und nicht immer, nur die Seite der Anbieter? Die Antwort ist ebenso banal: Beim Auto ist alles anders. Warum?

Die Autohersteller wissen sich – ohne jede kartellverdächtige Absprache – in jenem einträglichen Frühlingsritus vereint. Solange dies keiner vergißt, ist auch kein anderer in Gefahr, vom Markt die Quittung zu bekommen.

Natürlich wissen auch die Autohersteller, daß ihre Preise in der Öffentlichkeit einen anderen Stellenwert haben als die Preise für Kühlschränke. Und so rechtfertigen sie sich denn. Zum Beispiel damit, daß sie nur einen Bruchteil der höheren Kosten weiterreichen, worauf einen fast Mitleid überkommt, daß man nicht noch mehr bezahlen darf. Sie hatten in diesem Jahr, merkwürdigerweise unabhängig voneinander, auch einen neuen Einfall: Sie wollten noch warten, bis gewiß sei, was ihnen die Zulieferer nun in Rechnung stellten. Denn darauf haben die Geplagten natürlich überhaupt keinen Einfluß. Daß nun jene allmächtigen Zulieferer sagen, wieder mal sei gar nichts durchzusetzen gewesen, ist gewiß nichts weiter als eine Schutzbehauptung.

Wer immer da wem wieviel in die Tasche schwindelt: Der Autofahrer wird sich’s aus seiner Tasche nehmen lassen. Der Frühling ist ein Naturereignis. Märchen gibt’s nicht. Rainer Frenkel