ARD, Sonntag, 23. April: "Dichter und Richter", von Gisela Reich und Barbara Bronnen

Ja, so ungefähr ist sie gewesen, die Gruppe 47. Was die befragten Schriftsteller zutage förderten, Herburger, Schnurre und Grass, Ilse Aichinger und Jürgen Becker, war knapp, erhellend und präzise. Das Gegeneinander der Stellungnahmen brächte die Widersprüchlichkeit der Gruppe auf den Begriff: Ein Freundeskreis, in dem der gnadenloseste Concours ausgefochten wurde, der sich denken läßt – nur bei den Meistersingern und im griechischen Theater mag es, wenn’s ans Preisverleihen ging, so erbarmungslos zugegangen sein wie bei den Siebenundvierzigern. (Der Unterzeichnete, der zweimal zu einer Stichwahl um den Gruppenpreis antreten mußte, weiß sehr genau, was es für die Betroffenen bedeutet, wenn in einem Dichterwettstreit die Stimmen ausgezählt werden.)

Eine Gruppe von Linken, in der das Leistungsprinzip triumphiert: viel Widersprüchliches wurde im Wechselspiel zwischen den Zeugen und dem Gruppenleiter, ihrem einzigen regulären Mitglied Hans Werner Richter, verdeutlicht. Das Ritual, (vom Betreten des Richtstuhl bis hin zur Nachkritik) gewann Anschaulichkeit; Grundlinien der Entwicklung wurden jedenfalls ansatzweise verdeutlicht: wie da aus einem Kreis von Publizisten, die einander problematische Texte vorlasen (Essays und Erzählungen, über die sie sich selbst im unklaren waren) eine Dichter-Vereinigung wurde, in der jeder seine publikumswirksamsten Texte vortrug. (Nur kein Pathos, nur kein Risiko im Stil und schon gar keine Zugeständnisse an Sentimentalität und Romantik: Hermann Hesse, mit dem "Steppenwolf", wäre – zu Recht vielleicht – nicht über die Runden gekommen. Allgemeines Gelächter hätte den Vortrag von Hermines, der Dirne, Tiefsinnigkeiten über Minne und Geist vorzeitig beendet.)

Ja, so ungefähr ist sie gewesen, die Gruppe – aber eben auch nur so ungefähr. Zu genauerer Bestimmung hätte es eines Plus an exakter Information und eines Minus an Stimmungsseligkeit bedurft (ein See im Herbst, die winterliche Marsch bei Wesselburen, ein Friedhof mit vergilbten Blättern, ein leeres Hotel) – eines Weniger an Schwelgerei in Morbidezza, die Gruppenmitglieder zwanzig Jahre lang dazu veranlaßte, den Daumen zu senken: Nun aber zur Sache gefälligst.

Mehr alte Photos und Filme (es gibt sie) als Anschauungsmaterial, weniger Zufallseinblendungen von – höchst individuellen, zum Thema nichts beitragenden – Texten einzelner Gruppenmitglieder ... kein Zweifel, das wäre besser gewesen: mehr Information und weniger "Poetisches", also kunstwerbliches Umkreisen des Phänomens. (Herburger vor der Pulvermühle, Clemens Eich im Park, ein Gedicht seines Vaters zitierend, Richter vor nordsüdlichen Himmeln und Schnurre, der Schilderer des Begräbnisses Gottes, auf dem Friedhof postiert.)

Da waren Stilbrüche erkennbar, Brüche zwischen Bild und Text vor allem (der "unverwüstliche Schnurre" – gerade das ist der Mann auf dem Friedhof nun zu allerletzt!) – Widersprüche, die zu peinlicher Dissonanz wurden, als die Autorinnen ihre Reihungstechnik aufgaben (jeder Zeuge sprach in eigenem Namen, keiner wußte vom anderen) und einen Verleger unmittelbar auf die Statements von Schriftstellern antworten ließen, ohne daß die Autoren ihrerseits replizieren konnten. Mitten im sachlichen Bericht plötzlich der Tonfall einer Gegenerklärung – hatte da etwa jemand bei der Abnahme mehr Ausgewogenheit verlangt, ausgerechnet beim Report über eine Schriftstellergruppe, deren Bedeutung darauf beruht, daß sie so ganz und gar nicht "ausgewogen" war? (Um es klipp und klar zu sagen: Siegfried Unseld ist es nicht anzukreiden, daß er Grass und Richter schulmeisterte, er nutzte die ihm gegebene Chance, wohl aber den Autorinnen, die einem einzelnen ein Vorzugsrecht gaben, das sie allen anderen verweigerten.)

Schließlich ein Letztes. Es zeugt von Hans Werner Richters Weisheit, daß er zeitlebens niemals gesagt hat, wer denn nun eigentlich zur Gruppe gehört und wer nicht – und darum bleibt es bedauerlich, daß die Autorinnen versuchten, trotzdem so etwas wie einen engsten Kreis zu bestimmen, einen inneren Zirkel, den es in Wahrheit nie gegeben hat – ganz gewiß nicht diesen: ohne Alfred Andersch und Walter Kolbenhoff, ohne Höllerer, Reich-Ranicki und Kaiser, ohne... und jetzt wären viele Unbekannte oder heute Vergessene zu nennen, die eher zur Gruppe 47 gehören als mancher Prominente, der, will man dem Gericht glauben, zum Geheimen Orden der zwischen 1947 und 1967 regierenden Glasperlenspieler gehört. Walter Jens