Der 22jährige Hamburger Michael Kühnen stellt so etwas wie den neuen Typ eines Neonazis dar. Er stammt aus bürerlich-begütertem Elternhaus (der Vater ist in der Industrie tätig), besuchte in Bonn das Gymnasium, entdeckte mit 14 Jahren seine Zuneigung zur radikalen Rechten, mußte aber einem Beitrittsverbot seiner Eltern folgen. Nach dem Abitur und inzwischen vertraut geworden mit NS-Pamphleten aus der Giftküche des Amerikaners Gerhard Lauck (Nebraska), ging er 1974 zum Militär, wurde Leutnant und besuchte zuletzt die Hamburger Bundeswehr-Hochschule. Aus ihr wurde er wegen seiner NS-Gesinnung im September 1977 hinausgeworfen.

Zuvor war er für den Strauß-Zwitter Aktionsgemeinschaft 4. Partei“ (AVP) aktiv gewesen, als Hamburger Vizevorsitzender und Bundestagskandidat. Dann erkannte er, daß sie wie die NDP zu brav und die Zeit vorbei war, „mit demokratischen Mitteln“ an die Macht zu kommen. Also entdeckte er Hitlers Erbe. Nacheinander gründete er den „Freizeitverein Hansa“, die „NSDAP-Aufbauorganisation Gau Hamburg“ (nach dem Lauck-Muster), den „SA-Sturm Hamburg 8. Mai“ und im Dezember des letzten Jahres, die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“! Nacheinander wurde er ebenso regelmäßig verhaftet, in Hamburg oder bei gemeinsamen Aktionen mit Roeder, Schönborn und Christophersen in anderen Städten. Vor Kapplers Haus hielt er „Ehrenwache“, auf dem Nürnberger Parteitagsgelände demonstrierte er auf der „Führerempore“, vor dem Hamburger Kriegerdenkmal versuchte er eine Kundgebung abzuhalten, stets in schwarzer Lederjacke, schwarzen Breeches, schwarzen Knobelbechern. Um die Ermittlungsverfahren zu zählen, die gegen ihn laufen, benötigt er inzwischen beide Hände. Bei Hausdurchsuchungen wurden in seinem Zimmer Stichwaffen und Stahlhelme gefunden.

Mit seiner ANS, die höchstens zwanzig Mitglieder zählt, will der arbeitslose Kühnen im Bürgerschaftswahlkampf für die Aufhebung des NSDAP-Verbotes streiten. Ob seine Minipartei vom Landeswahlleiter zugelassen wird, ist fraglich. Kühnen selber rechnet mit einem Verbot: „Wenn das geschieht, dann haben wir erreicht, was wir wollten.“

Mit Parolen wie „Kein Nationalsozialist gibt auf“, „Hamburg wird braun“ oder „Deutsche, wacht auf“, mit „Disziplin“ und „Kameradschaft“ (auch der Spenden-„Ehrenpflicht“) bemüht er sich, Jugendliche von der Schwärmerei für Popmusik und Marxismus zu befreien. Dabei will er „lieber einen von den Maoisten (überziehen, als fünf von der Jungen Union, weil das wirkliche Kämpfer und Revolutionäre sind“. Den Juden in der Hansestadt, die er in seinem hektographierten Kampfblatt „Der Sturm“ beschimpft, rät er „loyale Staatsbürger“ zu sein. Denn, wenn sie auf „unsere Bewegung so reagieren wie in den zwanziger und dreißiger Jahren gegen das Dritte Reich, dann müssen sie sich anderswo eine Heimat suchen“. Kühnens angebetetes Symbol ist das Hakenkreuz, sein Lieblingslied das von Horst Wessel: „Die Fahne hoch.“