Tutzing

Phantasie statt Macht – in der evangelischen Akademie in Tutzing am Starnberger See war für zweieinhalb Tage der Traum vom grünen Paradies zumindest in den Köpfen wirklich geworden. Über 150 Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik waren für ein Wochenende zusammengekommen, um sich an der "Entwicklung neuer Lebensstile" zu beteiligen, um "Perspektiven für Konsum und Arbeit" aufzuzeigen. Hundert weiteren Interessierten mußte abgesagt werden. Ist dies schon ein Indiz für das wachsende Umweltbewußtsein der Bevölkerung?

Jedenfalls hat der praktische Realismus der Alternativler zugenommen, ist offenbar manches vom Kopf auf die Füße gestellt worden. Sie forderten die Produktion von tatsächlichem Mehrwert und nicht von minderwertigen Gütern, die Produktion von Sinn und Unabhängigkeit statt Unsinn und Abhängigkeit – so formulierte es der ehemalige Atomwissenschaftler Manfred Siebker, Mitglied des Club of Rome. Zwanzig Jahre lang hatte er in Industriefirmen sowie bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel für den Ausbau der Atomenergie gearbeitet. "Aus persönlicher Betroffenheit" wechselte er 1973 ins andere Lager.

Die neue Denkart heißt: Mit Spontaneität flexibel auf Veränderungen eingehen und sich nicht an Dogmen binden. "Es ist eine entscheidende Stärke der Ökologie", philosophierte Siebker, "daß es bei ihr Erbfeinde, Klassenfeinde und Fundamentalkonflikte nicht gibt. Wenn wir ihr folgen, sind alle Menschen und Naturwesenheiten Bestandteile eines Gesamtorganismus, von dessen Gesundung und Entfaltung jeder profitiert, auch die Organe, deren Wucherung das Leben des Ganzen bedrohen. Das ist eine Frage der Einsicht, freilich einer Einsicht, die sich nicht auf den Intellekt beschränkt."

So beflügelte der Atomexperte die Arbeitsgruppen, die in liebevollem Eifer und entwaffnender Ehrlichkeit über Schwierigkeiten und Erfolge ihrer Projekte berichteten. Die Phase des Motzens scheint vorüber, gekommen ist die Zeit der Macher. Oder wie ein Universitätsdozent aus Kassel meinte: "Wir klagen nicht mehr lange über die miesen Zustände in diesem Lande. Wir sind soweit, daß wir’s selber anpacken und uns hier und jetzt verändern."

Angefangen hat es oft mit dem eigenen Komposthaufen. Dann kam man drauf, daß mit der Ernährung etwas nicht stimmen müßte, wenn man so oft verschnupft war, und so gab es bald nicht nur junge Leute, die aufs Land zogen und ihre Acker biologisch-dynamisch bebauten. Auf den Reißbrettern von Architekten, Ingenieuren und Landschaftsplanern entstanden ganze ökoprovinzen und Regionen. Piet Owsianowski von der "Interdisziplinären Projektgruppe für Angepaßte Technik" (IPAT) an der Technischen Universität Berlin stellte Wind- und Wasserpumpen vor, empfahl die Fischzucht im Kleingarten und das Treibhaus im Hinterhof. Selbst mit solarer Meeresentsalzung hat diese Gruppe bereits erste Erfahrungen gesammelt. Die "Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie" propagierte ihre Sonnenkollektoren. Um die Partizipation des Bürgers ging es bei Bürgerinitiativen und Stadtteilaktionen. Mit Erfolg waren Plätze und Parks verteidigt, Hinterhöfe von grau in grün umgewandelt worden, hatte man Spielstraßen für Kinder durchgesetzt.

Hart wurden die anwesenden Politiker und Wirtschaftler angegangen. Sie, die es gewohnt sind, als Funktionäre ihrer Ämter zu agieren und zu reagieren, sahen sich plötzlich spontanen und sehr direkten, persönlichen Fragen ausgesetzt. Nach seinem persönlichen Engagement gefragt, meinte der Präsident des bayerischen Umweltschutzamtes, Josef Vogl, in seiner Behörde werde schon genug Ökologie betrieben, er selbst brauche sich doch nicht noch in irgendwelchen Bürgerinitiativen zu engagieren. Ähnlich zierte sich der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, Helgo Alberts.

Doch die sanften Technologen, die alternativen Mediziner und die Makrobioten ließen sich nicht entmutigen. Ihr nächstes Ziel: die Gründung einer Ökoakademie. Sie soll international alles sammeln, was zu diesem Thema veröffentlicht wurde. Adelheid Ohlig