Der "Musterknabe" IG Bau will in der Lohnskala nach oben kommen

Der nach vielen Mühen und Kämpfen erreichte Burgfrieden in der Lohnpolitik wird noch einmal in Frage gestellt: in der Bauwirtschaft. Ausgerechnet der frühere Musterknabe in Tarifauseinandersetzungen – die Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden – muckt in diesem Jahr mächtig auf. "Wir kämpfen" steht überall auf Plakaten der Gewerkschaft.

Der Krach hat schon bei den Manteltarifverhandlungen begonnen, bei denen es um Fahrgeld, Wegegeld, Auslösung, Urlaub und Erschwerniszuschläge ging. Den schließlich zustande gekommenen Schlichtungsspruch verwarfen die Arbeitgeberverbände, was die Stimmung der Gewerkschaft mächtig aufheizte.

In den anschließenden Lohnverhandlungen forderte die IG Bau dann 7,7 Prozent mehr Lohn und außerdem eine Erhöhung des Anteils am 13. Monatseinkommen von jetzt 36 auf 72 Tarifstundenlöhne. Die Arbeitgeber boten zunächst 4,4 und schließlich fünf Prozent, das heißt den Satz, der in den Tarifverhandlungen dieses Jahres zum Richtsatz geworden war. Doch die Baugewerkschaft meinte, diese Offerte sei unzureichend.

Erklärbar wird dies nur, wenn man sich die Lage der Bauwirtschaft in den letzten Jahren noch einmal vor Augen führt: Seit Beginn der Rezession sind Hunderttausende von Bauarbeitern ausgeschieden, darunter mehr als 200 000 Facharbeiter; viele Betriebe gaben auf; überall wurde vorsichtig disponiert und beim Lohn gespart.

"Wir sind in der Lohntabelle zurückgefallen", klagt Rudolf Sperner, der Vorsitzende der Baugewerkschaft. Ein Blick in den von der Abteilung "Tarifpolitik" des DGB-Bundesvorstands, kürzlich herausgegebenen Berichts über die Rangfolge der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste von Industriearbeitern zeigt, daß das Baugewerbe 1958 mit 2,47 Mark auf Platz acht lag. 1977 nahm es mit 11,57 Mark den zehnten Rang ein.

Sperner und seine Kollegen wollen in diesem Jahr nun die Rangstufe der Bauarbeiter wieder verbessern, sie wittern Morgenluft, weil es der Branche "Bau" im Moment etwas besser geht. Die Ökonomen schätzen, daß die Bauleistungen 1978 – wenn alles gut geht – um etwa drei Prozent steigen. Auch die Baupreise ziehen wieder an – vielleicht um vier bis 4,5 Prozent im Jahresdurchschnitt.