Der eine schwärmte: "Ich sehe die Straße gekrönt vom Prachtbau der Zukunft." Sein Architekt sah in diesem Bauwerk ein "Wahrzeichen und Point de vue für das ganze München". Und so sollte "der Festbau" auch nicht mitten in der City, in welcher prominenten Nachbarschaft immer, sondern "auf der östlichen Höhe, jenseits der Isar" errichtet werden, gar nicht weit weg vom Maximilianeum, das gerade im Bau war: weit sichtbar ein Thron für die Musik und zugleich ein Palast für ihre Anbeter, deren München immer schon mehr als irgendeine andere Stadt gehabt hat. Aus diesem Traum Ludwigs II. und seines Freundes Richard Wagner, sich von Gottfried Semper ein ausdrücklich als "Monumentaltheater" geplantes Festspielhaus in München, gut zehn Jahre vor Bayreuth, bauen zu lassen, wurde jedoch nichts.

Eher zufällig nur ein paar Steinwürfe weiter südlich davon, am Kopfende der nächsten Brücke, ereignet sich, etwas über hundert Jahre später, in seltsamer Übereinstimmung nun ein Parallelfall. An diesem Freitag wird der erste Spatenstich getan, zeitgemäßer: der erste Bohrpfahl niedergebracht für das Münchner Kulturzentrum. Sichtbar angeführt vom Konzertsaal der Philharmoniker, die seit dreißig Jahren darauf warten, werden hier – unnötigerweise – zusammengeballt: das Richard-Strauss-Konservatorium, die Volkshochschule, die zentrale Stadtbibliothek, dazu Einrichtungen für alte Leute und Kinder aus dem Stadtteil Haidhausen, der hier beginnt, das Kulturdezernat, ein Restaurant, ein Biergarten – ein gewaltiger Gebäudekomplex mit einem Rauminhalt von fast einer halben Million Kubikmetern und – mitsamt großem Konzertsaal und kleinen Putzkammern – beinahe fünfhundert Räumen.

Schon sein Umfang macht dieses Bauwerk, das auf einem erhöhten Grundstück Am Gasteig hinter der Ludwigsbrücke aufragen wird, ungefähr flankiert von den Jahrhundertwende-Bauten des Deutschen Museums und des schönen Müllerschen Volksbades, unübersehbar. Daran ändern auch die sehr gelungenen Bemühungen nichts, das Kultur-Agglomerat mit seinen sehr unterschiedlichen Aktivitäten sinnfällig zu gruppieren und architektonisch so zu gliedern, daß der Monumentalität die Wucht genommen wird. Der "Festbau" wäre nicht nur für Wagner ein "Prachtbau", und es wird ganz gewiß ein "Wahrzeichen und Point de vue für ganz München" und "dabei seinen idealen Charakter" demonstrieren, wie Semper das für richtig hielt.

So ganz falsch ist diese große Pose gar nicht für ein wichtiges Bauwerk, erst recht nicht in einer Stadt, deren Konzertbesucher die Tafelfreuden der Musik auch festlich aufgetischt haben wollen. Die Kritik richtete sich deshalb in den sieben Jahren seit dem ersten Architekten-Wettbewerb auch nicht gegen eine Münchner Philharmonie, die den wählerischen Musikern endlich das eigene Haus und zugleich den beiden anderen Qualitäts-Orchestern der bayerischen Hauptstadt, dem Staats- und dem Rundfunkorchester, eine akustisch und ästhetisch ausgeklügelte Arbeitsbühne von großstädtischem Format verheißt. Sie wandte sich zum einen immer wieder gegen den Standort, viel heftiger und berechtigter aber gegen die zweifelhafte kommunalpolitische Angewohnheit, Bildungs- und Unterhaltungsinstitutionen zu zentrieren, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben und die, mit Verstand und Geschick über die gesamte Innenstadt verteilt, mehr zu deren Lebendigkeit beigetragen hätte als in der "Wüstenei des Gasteigbergls".

Diese im Zorn etwas komisch geratene Bezeichnung für einen Bauplatz, der gerade zehn Minuten Fußweg vom Rathaus entfernt liegt, deutet auch die anderen Gegenargumente an: Ein so gewaltiger Komplex so wichtiger Institutionen werte den – soeben auch noch als "neues Schwabing" entdeckten – Gründerzeit-Stadtteil Haidhausen nicht auf, sondern drohe eher, ihn durcheinanderzubringen, nicht zuletzt deswegen, weil sich nun die Bau- und Bodenspekulanten mit ihrem sicheren Sinn für Image und Rendite aufgerufen fühlen könnten, die "Aufwertung" in ihrem Sinne zu deuten. Dieser Unmut ist verständlich, weil gleich gegenüber an der belebten Rosenheimer Straße schon ein Zentrum von imposanter Häßlichkeit existiert, das mit dem größten Münchner Hotel, dem größten europäischen Autosalon, und anderen, auch unterirdisch angebrachten Superladen-Superlativen sowie einem Haufen Apartments, zur Aufwertung nichts, zur routinierten Verschandelung aber vieles beigetragen hat. Dieser unmittelbaren Nachbarschaft zum Trotz sollte ursprünglich auch das Kulturzentrum mit einem Kommerzzentrum komplettiert werden, mit Hotel, Kaufhaus, Supermarkt, Eigentumswohnungen und so weiter – ein Plan, der endlich vor der zweiten Stufe des Architekten-Wettbewerbes fallengelassen worden war. Gewonnen haben diesen schwierigen Wettbewerb die aus Braunschweig und München stammenden Architekten Raue, Rollenhagen, Lindemann und Großmann.

Geblieben aber sind gleichwohl die Vokabeln, in denen sich die öffentliche Meinung entlud. Sie nannte das Projekt Kulturmaschine, -palast, -bunker, -tempel oder -schiff, empfand es als "bedrohlichen Koloß" oder als "eine einzigartige Gemeinheit", eine "Donnerschlag-Dominante" und obendrein irgendwie "teutonisch", auch mal als Glaspalast und mal als Felswand und als Beton-Koloß, obwohl der sich nirgendwo zeigt: hart gebrannter Backstein beherrscht die Fassade. Lob war – außerhalb der Wettbewerbs-Jury, bei der Baukunstkommission und beim Heimatpfleger – auffallend wenig zu hören, am deutlichsten noch bei den Philharmonikern, "weil wir uns Wunschlos glücklich fühlen müßten, wenn wir diesen Saal bekommen, wie er gedacht und entwickelt ist". Gottlob haben sich die Architekten krampfhafte Originaltät erspart und an Scharouns Berliner Philharmonie gelernt. Sie unterteilen ihren fächerförmigen, forsch ansteigenden, leicht aus der Symmetrie gedrängten Saal in unregelmäßige, "weinbergartig" terrassierte Segmente. Wenn er (mit 2400 Sitzen) zu groß ist, kann er mit herabfahrenden Holzwänden zweimal verkleinert werden. Es gibt daneben noch einen Mehrzwecksaal, dazu die kleinen Säle des Konservatoriums nebenan und eine vom Londoner Nationaltheater inspirierte "Black-Box" für musikalisch-theatralische Experimente: zur Belebung und zur Lockung eines jüngeren Publikums.

Dies deutet schon auf das, was Baudezernent Uli Zech den "kulturpolitischen Witz" nennt, worauf auch Kulturdezernent Jürgen Kolbe große Hoffnungen setzt und womit beide die heftig angefochtene Zentrierung von Kultur verteidigen: auf das Nebeneinander von "Sakral- und Profankultur", von Konzert und (Musik-) Lehre, von musikalischer Unterhaltung und Erwachsenenbildung. Damit das – wie Uli Zech es empfindet – "Kontaktgift" wirken kann, haben die Architekten eine ganze Menge interessanter Einfälle in ihren Entwurf gebracht. So ist es ihnen offensichtlich geglückt, das riesige Kultur-Agglomerat um einen Forum genannten, halb offenen Hof zu gruppieren und architektonisch sichtbar und einleuchtend zu gliedern. Passagen verbinden den Komplex mit der Umgebung und hellen ihn auf. Weiter: Volkshochschule, Konservatorium und Stadtbibliothek haben – neben anderem – ein gemeinsames Entree, in einer über einer Glaspassage angeordneten hellen Halle. Was noch wichtiger ist: Die ungewohnt reichlich dimensionierten Foyers von Philharmonie; Mehrzwecksaal, Konservatorium und Volkshochschule gehen ineinander über und stellen eine einladende innere Verbindung her; sie sollen schon nachmittags zugänglich sein. Architektonischer Höhepunkt ist natürlich das sich der Stadt zuwendende Foyer des Konzertsaals mit der Glaskaskade des Treppenhauses, mit dem Blick auf München.

Reichlich verwendetes Glas und hart gebrannte Backsteine lockern die Monumentalität merklich auf, ohne sie zu verleugnen. Wichtig ist, daß die Architekten nicht krampfhaft eine irgendwie "neue Architektur" haben erfinden wollen, und beruhigend, daß sie sich aber auch nicht epigonenhaft irgendwelchen Vorbildern ausgeliefert haben, daß sie sich freilich auch nicht schämen, wenn man welche erkennt. Genaueres wird zu berichten sein, wenn der Bau in ein paar Jahren steht. Im Herbst beginnt man mit dem Rohbau. Die einzige Gefahr ist jetzt, daß die Architekten, um ein paar Kritiker zu beruhigen, anfangen, die großen Backsteinflächen "aufzulockern" und mit irgendwelchen Dekors ein bißchen lieblicher zu machen. Diese Flächen gehören zu den Charakteristika ihres Entwurfs. "Kunst am Bau", nachträglich angebracht, wäre kleinlich. Manfred Sack