Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im April

Die "Sicherheit" sagt natürlich nichts. Aber man kann sich schon vorstellen, wie das in einer Woche in Bonn und Umgebung zugehen wird wenn Leonid Iljitsch Breschnjew, Staats- und Parteichef der Sowjetunion, Visite macht: Polizei en masse, Absperrungen überall, Heuschreckenschwärme von wachsamen Hubschraubern, Wasserwerfer und Sperrgerät in den Seitenstraßen und im Konvoi der "besonders gefährdeten Person" stets auch ein Ärzteteam mit Plasma der Blutgruppe des Staatsgastes. Rund 26 500 Polizisten, Grenzschützer und Kriminalisten waren aufgeboten, als der "Großgenosse", wie er im Jargon der Protokollbeamten heißt, vor fast genau fünf Jahren zum erstenmal an den Rhein kam. Jetzt werden es eher noch mehr sein.

Die Schutzorgie erscheint um so nötiger, als es auch diesmal über Straßen und Dörfer gehen muß. Auf den Nahtransport ihres ersten Mannes durch Helikopter haben sich die Sowjets nicht eingelassen, offenkundig sowohl aus Gründen seiner Sicherheit wie seiner Gesundheit. Und die Probleme potenzieren sich noch, weil der Staatsgast nicht wieder in dem relativ nahe gelegenen, aber durch jahrelange Einmottung unbrauchbar gewordenen Hotel Petersberg, sondern nur in dem Wasserschlößchen Gymnich untergebracht werden kann – zwar eine kleine Nobelherberge für prominente Besucher, aber rund 50 Kilometer von Bonn entfernt.

Den noch mehr auf Sicherheitsperfektion gedrillten sowjetischen Vorkommandos gefiel das anfangs gar nicht. Am liebsten wäre es ihnen wohl gewesen, wenn Leonid Breschnjew Unterkunft im Palais Schaumburg, dem alten Bundeskanzleramt, hätte finden können. Doch abgesehen davon, daß sich das Palais Schaumburg dafür nicht eignet, erschien den deutschen Gastgebern die unmittelbare Nachbarschaft dieses Quartiers zur neuen Regierungszentrale und zum Kanzlerbungalow schon rein optisch als zu eng.

Doch immerhin spiegelt der Gedanken an dieses Logis einiges von dem wider, was das Treffen vom kommenden Donnerstag bis Samstag kennzeichnen soll: intensive politische Diskussion, gründliche Arbeitsgespräche, engen Kontakt, rasche Anberaumung von Terminen, zeitliche Flexibilität schon mit Rücksicht auf die nicht mehr bärenfeste Gesundheit des 71jährigen Gastes. Protokollarische Pflichtübungen, wie die Kranzniederlegung am Grabmal für die Opfer des Faschismus oder die erneute Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Bonn sind von vornherein gestrichen, die sonst obligaten Gala-Diners auf zwei reduziert worden: auf ein Essen, gegeben vom Bundespräsidenten, wahrscheinlich auf Schloß Augustusburg bei Brühl, umrahmt vom Bielefelder Kinderchor und einem Ensemble für Musik aus der Renaissance und dem Frühbarock, und auf das "Gegenessen" durch Breschnjew.

Die beiderseitige Entschlossenheit, Pomp und Öffentlichkeit auf ein Mindestmaß zu beschränken, läßt freilich die Frage offen, was in der so gewonnenen Arbeitszeit und bei "open end discussions" im kleinen Kreis denn alles hergenommen werden soll, kann und wird. Da bestehen bemerkenswerte Widersprüche. Schrieb etwa die Literaturnaja Gazeta dieser Tage, die Möglichkeiten des 1970 geschlossenen deutschsowjetischen Vertrages seien "wie ein gigantischer Stausee, der noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist", so fand Regierungssprecher Bölling die Vorstellung "etwas einfältig", daß am Ende eines solchen Besuchs viele Verträge und Abmachungen stehen müßten.