Von Jürgen Werner

Die Schweden wurden doch erst richtig frech, als wir keine Tore erzielten." Helmut Schön, Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, blickte zurück – teils zufrieden, teils im Zorn. Das verlorene Länderspiel (1:3) in Stockholm lag gerade drei Stunden zurück, im Kreis der Spieler wurde zusammen mit Trainern und Betreuern eine Art Bilanz gezogen.

Genau sechs Wochen vor Beginn der XI. Fußballweltmeisterschaft in Argentinien, nach neuer Fußballzeitrechnung im 15. Länderspiel nach Beckenbauer und ein Vierteljahr vor Helmut Schöns Abschied vom Amt ist ein Fazit nicht leicht zu ziehen, obwohl die Belege eindeutig zu sein scheinen für diese Behauptung: Deutschland wird nicht Fußballweltmeister. Modifziert müßte diese Aussage jedoch lauten: In dieser Form und dieser Besetzung wird die deutsche Mannschaft ihren Titel nicht verteidigen können.

Darüber waren sich Spieler und Trainer im Gespräch schnell einig. Erstaunlich für mich war, mit welcher Sachlichkeit eine Art "Stoffsammlung" der Ursachen betrieben wurde. Mit der besonders Fußballspielern eigenen Fähigkeit, Sachverhalte zu vereinfachen und an Beispielen zu verdeutlichen, wurde dem interessierten Zuhörer klar, was gemeint war: Die in Stockholm durch die Stürmer vergebenen Torchancen, die Zweikämpfe, die in der 2. Halbzeit gegen die wie entfesselt rennenden und kämpfenden schwedischen Spieler verloren wurden und die persönlichen Fehler einzelner Spieler während der Dauerbelastung eines schweren Länderspiels seien ein Indiz für fehlende Kraft, Klasse und Konzentration.

Läzslo Kubala, Trainer der spanischen Fußballnationalmannschaft, der schon das ebenfalls verlorene Länderspiel gegen Brasilien in Hamburg (0:1) beobachtet hatte, ergänzte unmittelbar nach dem Spiel diese Analyse durch die ironische Bemerkung, sein Kollege Helmut Schön habe wohl die berühmten Namen benutzt, nicht aber die damit identischen Spieler auf den Platz geschickt.

Rainer Bonhof und Berti Vogts von Borussia Mönchengladbach rechneten mir später auf dem Rückflug von Stockholm für die auslaufende Saison eine Gesamtzahl von über 70 Spielen vor – wo Fußball zur Fron wird. Beide sind aber auch Leistungsträger in der Fußballnationalmannschaft, was wiederum bedeutet, daß sie dort für System, Stil und Stimulanz sorgen sollen. "Wir können bald keinen Ball mehr sehen" – die beiden sind sich einig in der Beurteilung der Situation, die, trotz der zurückliegenden Belastung, im Juni an sie nochmals extreme Anforderungen hinsichtlich Physis und Psyche verlangen wird.

"Mit Berti war ich im letzten Halbjahr häufiger zusammen als mit meiner Freundin, und bis Ende Juni ändert sich daran gar nichts" – Rainer Bonhof formuliert das ohne Emotionen. Er bietet aber diese Fakten als zusätzliche Erklärung für die Frage nach der fehlenden Frische an. "Unser Spiel lebt eben zum großen Teil vom hohen Tempo über neunzig Minuten. Nach einer Stunde aber sind im Moment die meisten am Ende" – Rainer Bonhof denkt also an die schon erwähnte Kraft.