Das Wesen auf dem Titelbild der angesehenen US-Wissenschaftszeitschrift Science vom 14. April sieht aus, als wäre den Gen-Manipulatoren beim Klonen die Hand ausgerutscht. In weißen Linien auf dunkelgrünem Grund steht da eine Kreatur, deren linke Hälfte einem Schimpansen, die rechte jedoch einem Menschen ähnelt. Daneben, ebenfalls durch eine feine weiße Trennlinie gehälftelt, hockt ein Frosch mit etwas asymmetrischer Körperform.

Die Schimären haben freilich nichts mit der modischen Manipulation menschlicher Gene à la David Rorvik (ZEIT Nr. 12) zu tun. Vielmehr versuchen die drei US-Forscher Lorraine Cherry, Susan Case und Allan Wilson, mit Hilfe der Zwitterwesen-Zeichnungen die alte Streitfrage zu klären, wie weit Menschen und ihre nächsten Verwandten, die Schimpansen, sich äußerlich – morphologisch – tatsächlich unterscheiden.

Biochemiker wissen seit geraumer Zeit durch den Vergleich von Proteinen und Nucleinsäuren beider Spezies, daß sich Mensch und Schimpanse auf genetischer Ebene außergewöhnlich ähnlich sind. Die auffälligen morphologischen Unterschiede schrieben Forscher zum Teil unseren Vorurteilen zu: Wir würden uns eben gerne von den Menschenaffen abheben.

Um dieses "menschliche Vorurteil" zu umgehen, untersuchte das Forscher-Trio die Skelette von 16 erwachsenen Menschen und zwölf ausgewachsenen Schimpansen nach neun sorgsam abgewogenen Kriterien, die gewöhnlich für die Klassifizierung von Fröschen angewendet werden. Zusätzlich vermaßen die Wissenschaftler 455 Frösche verschiedener Arten und sogar verschiedener Frosch-Familien. Ergebnis: Die morphologischen Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse, ausgedrückt in dem Faktor "M", sind tatsächlich außergewöhnlich groß – größer noch als der durchschnittliche äußerliche Unterschied zwischen Fröschen aus verschiedenen Unterordnungen.

Da der Wert M bei Fröschen um so größer wird, je entfernter die jeweiligen Spezies miteinander verwandt sind, sind Cherry, Case und Wilson ziemlich sicher, daß ihre morphologische Elle stimmt: Es könnte sein, daß M "ein befriedigender Maßstab für unser intuitives Erfassen ist, wie verschiedenartig Tiere auf der Ebene von Einzelwesen sind".

Die in der Tat großen morphologischen Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse im Verhältnis zu den genetischen Differenzen scheinen jenen Evolutionstheoretikern recht zu geben, die meinen, die Evolution schreite auf zwei recht verschiedenartigen, voneinander unabhängigen Wegen voran: Der eine Weg wird ohne große Umwege mit kleinen strukturellen Änderungen in den Genen begangen, die zur Produktion von leicht veränderten Proteinen führen; der zweite, wesentlich dynamischere Weg führt über Änderungen in der Kontrolle der Aktivität individueller Gene während des Entwicklungs- und Wachstumsprozesses. Schon eine kleine Zahl solcher Änderungen, so argumentieren Experten, könnte dramatische Auswirkungen auf die endgültige Gestalt des Wesens haben. GH