Von Gunter Hof mann

Oberbürgermeister für alle, nicht nur für seine Parteigänger, möchte Walter Wallmann (CDU) sein. Als er den Sozialdemokraten Rudi Arndt im Sommer vorigen Jahres im Frankfurter Reform-Rathaus ablöste, weigerte er sich gegen den Druck aus den eigenen Reihen, die ungeliebten kultur- und bildungspolitischen Einrichtungen, die "roten Festen", zu schleifen. Wallmann wollte sich mit anderem Maßstab messen lassen: Liberalität und Toleranz.

Viel blieb daher beim alten. Als stehe er unter dem Zwang, wenigstens einmal ein Exempel zu statuieren, wird ein kleines Stückchen Reform jetzt beendet. Das Objekt christdemokratischen Zorns, das sich ausnimmt wie eine winzige Insel in der Großstadtgesellschaft Frankfurt, blieb bisher das einzige Modell dieser Art in der Bundesrepublik: 19 "Kitas" (Kindertagesstätten), öffentlich finanziert, in denen rund neunhundert Vorschul- und Hortkinder zwischen drei und vierzehn Jahren von einem gleichberechtigten Erzieherteam, auch gemeinsam mit den Eltern, erzogen werden sollen. Ein Stück der Protest- und Kinderladenbewegung war hierin im Jahr 1972 aufgegangen. Wie auch immer man die Erziehung nennen mag, emanzipatorisch, kompensatorisch (mit viel Spielen und ohne Zwänge), nicht repressiv, in jedem Fall ist sie "anders".

Dieses Modell wird in einem Moment abgebrochen, in dem es nach einem mühseligen Lernprozeß aller Beteiligten weitgehend konsolidiert ist. Dennoch erklärt es die CDU für "auf der ganzen Linie gescheitert". Ein Mehrheitsbeschluß genügt ihr; was die Eltern davon halten, interessiert sie nicht.

Vieles an dem Konflikt ist exemplarisch: Am kleinen Beispiel, auf dem Rücken von "nur" 900 Kindern, wird die große bildungspolitische Schlacht neu geschlagen. Viel Emotionen, Überdruß an Veränderungen sind ja mobilisiert; Schluß soll sein mit den Experimenten. Das Thema ist ein "Hit" für den Wahlkampf – so jedenfalls war es angelegt. Ob sich der Konflikt nun an "Koop", der integrierten Gesamtschule, der Orientierungsstufe, den Rahmenrichtlinien oder eben den "Kitas" entzündet: nur noch selten geht es dabei um Inhalte und Argumente. "Kita" – das ist eines jener Codewörter für alles Böse hienieden geworden, für Reform, Sozialismus, Unruhe, Unordnung, Widerspenstigkeit.

Der Wunsch, nicht für reaktionär, kulturkämpferisch und illiberal zu gelten, hat die CDU zunächst zögern lassen. Aber schließlich erschreckte Wallmanns Schuldezernent Bernhard Mihm, ein Haudegen aus der jüngeren, hochkonservativen Ecke der Partei im politisch sensibelsten Ressort, sogar die ortsansässige FAZ mit seinem zürnend-revanchelüsternen Feldzug.

Da werden in einem politischen Großreinemachen zwei Drittel aller Erzieher aus den "Kitas" umgesetzt in normale Kindertagesstätten der Stadt. Neue Leiterinnen werden in die "Kitas" beordert, in denen es bisher nur Teams gab. Die Exekutive geht vor, als handele es sich um ein rein administratives Problem in Kinderbewahranstalten. Empört solidarisieren sich die Eltern; das Bild vom "St^at" verfestigt sich, der seinen Bürgern als "Obrigkeit" gegenübertritt. In ihm erkennen sich die Betroffenen nicht wieder. Aber hatte nicht die Union im Wahlkampf versprochen, künftig werde nur mit, nicht gegen die Eltern entschieden? Welche Eltern waren damals gemeint?