Von Wieland Schmied

Er dachte immer an den Tod, aber er redete nicht gern über ihn. Das meiste, was er tat, tat er, um nicht an den Tod zu denken. Vor allem: malen. Dennoch hat der Tod in seinen Bildern unübersehbar seinen Platz.

Lindners "Angel in me" (wie ein Aquarell und ein Ölbild von 1966 heißen) trug die schwarzen Insignien des Todesengels, und auch Marilyn Monroe hat er als Todesengel verstanden ("Marilyn was here", 1967). Ihr Bild ist alterslos und wird nicht bleichen. Der Tod, in ihrem Grundmuster angelegt, erhält sie jung.

Schon die Knaben in Lindners Bildern, frühreif und grausam, spielen mit Todeswerkzeug, mit Maschinengewehr und Schlagstock geradeso wie mit Kreisel, Ball oder anderem Spielzeug. In ihren Händen wird es das gleiche. Ihre Zielscheibe ist immer der Mensch.

Später, erwachsen, werden sie nicht von den Knabenträumen lassen und hinter herabgezogenen Hutkrempen, dunklen Brillen und aufgestellten Kragen verborgen nur zu oft als Todesboten aus der Unterwelt auftauchen. Sie ist beides: Sphäre der Gangster und Hades.

Lindner wurde früh mit der Erfahrung des Todes vertraut. Der Tod der bewunderten älteren Schwester – als er vierzehn war – bedeutete ein einschneidendes Erlebnis, der wöchentliche Besuch ihres Grabes auf dem Nürnberger Friedhof wurde ein Familienritual.

Den Schergen des Naziregimes entkam er 1933 aus München nur knapp nach Paris. Die Jahre 1939 bis 1941 waren für ihn eine ununterbrochene Odyssee am Rande des Todes. Mehrfach interniert, mehrfach geflüchtet, meldete er sich zur Fremdenlegion, wurde er zur französischen Armee eingezogen und war unter wechselnden Konstellationen als Emigrant, als Deutscher und als Jude überall verdächtig. Er wurde verhaftet, zum Tode verurteilt, konnte fliehen und im Maquis untertauchen, hielt sich, von Gestapo-Agenten gesucht, längere Zeit in verschiedenen Quartieren in Marseille versteckt und gelangte auf abenteuerlichen Wegen nach Lissabon, wo er schließlich Platz auf einem Schiff nach New York fand.