Gestern nacht habe ich geträumt, daß ich auf den Händen ging": Mit diesem Satz beginnt Uwe Brandners dritter Film, der von den Schwierigkeiten handelt, auf den Händen zu gehen – in München, im Sommer 1977, in einer zu Tode betonierten urbanen Horrorlandschaft, die in vielen der besseren neuen deutschen Filmen präsent ist (am schönsten bei Benders in "Alice in den Städten" und "Falsche Bewegung", bei Fassbinder in "Faustrecht der Freiheit", immer bei Kluge). In der Weimarer Republik gab es ein eigenes Genre von "Straßen-Filmen", das gibt es jetzt wieder: Filme über Leute, die unterwegs sind im Asphaltdschungel, getrieben weniger von materieller Not als von einer unbestimmten Abenteuersehnsucht, die sich schon an der nächsten Ecke erfüllen könnte. Je versteinerter die Zustände, desto verwegener und verzweifelter die Ausbruchsphantasien – Spuren dieser Dialektik finden sich auch in Klaus Emmerichs brillantem "Kreutzer" und Margarethe von Trottas "Zweitem Erwachen der Christa Klages".

Einen Straßenfilm nennt auch Uwe Brandner, der Schriftsteller und Filmemacher, kaum resignierter Veteran der 68er-Bewegung, sein ziemlich alltägliches München-Abenteuer "halbehalbe". Den Bertold Maschkara, Mitte dreißig, unversehens arbeitslos, hält es nie lange in seinem mit Sehschlitzen ausgestatteten Appartmentpanzer. Maschkara, unterwegs in München, ziellos nach Jobs und Mädchen Ausschau haltend, dabei aber eher cool und lakonisch, trifft Leute, gewinnt einen Freund und verliert sein Vermögen. Wie der Amerikaner in Paris in Eric Rohmers Film "Le Signe du Lion" erfährt er die Stadt zunehmend als undurchdringliches, feindliches Gelände, steigt, neugierig sich selber beobachtend, zum Penner ab, aber verliert nie sein Ziel aus den Augen: auf den Händen zu laufen, den widrigen Verhältnissen ein Schnippchen zu schlagen. Mit einem Stadtstreicher ergibt sich eine Möglichkeit zu praktischer Solidarität: "Zigarre, Feuer! Man bleibt kurz stehen und tauscht. Dann wieder weiter. Der eine hat’s, der andere braucht’s – das ist, was ich unter Sozialismus verstehe", sagt mit großer Würde der unvergleichliche Ivan Desny als Penner Baron Wurlitzer und schlendert gemächlich neuen Begegnungen entgegen.

Solche Sprüche kommen häufig vor in "halbehalbe". Man könnte auch sagen: Uwe Brandner ist ein Sprüchemacher, dem seine Lust an einer kauzigen Pointe selbst zügellose Albernheiten mitunter gestattet. Aber sein Film besitzt den souveränen Charme einer Bettlerballade, in der jeder Lump auch ein Poet ist. Handlung findet nur zögernd statt, bei ihren Expeditionen durch den Bauch der Stadt treffen Bertold Maschkara (sehr lässig, sehr präzis, viel zu selten auf der Leinwand: Hans Peter Hallwachs), sein Freund Thomas (Bernd Tauber, zuletzt in "Das Brot des Bäckers") und ihr Regisseur viele Menschen, die eine geradlinige-Aktion verhindern, den Film in immer neue, überraschende Richtungen lenken: einen Tiefgaragenwächter, der ein Kriegserlebnis zum besten gibt; einen Werkschutzmann, der auch im Pyjama mit der Flinte hantiert, einen fanatischen Angestellten, der seinen Chef haßt und vom Abhauen träumt, einen Faustballtrainer (welch ein Beruf!), Patienten, Schläger, Disco-Miezen, Kriminaler und Kriminelle, Tankwärter, Nassauer und andere Passanten.

Jeder hat seinen Auftritt, jeder darf zeigen, was er kann, keiner ist nur ein Statist. Brandner beutet seine Figuren nicht aus, mißbraucht sie weder als nur skurriles Kuriositätenkabinett noch als "repräsentative" Modellobjekte. Die wunderschöne Spontaneität, die sein Film oft besitzt, läßt den Figuren viel Luft zum Atmen: der Anspruch auf die kleinen Freiheiten, auf das Aufden-Händen-laufen, das in den grauen Fußgängerzonen eine nicht ungefährliche Übung ist, wird nicht nur behauptet, sondern realisiert sich in der lockeren, oft wohl auch improvisierten Folge der Sequenzen. Brandner beschwört einen Hauch von Schwabing, zehn Jahre nach den Schwabing-Filmen, in denen die Schätzchen noch problemlos zur Sache gehen konnten. Aber der alte Schwung ist hin. Nicht ganz indessen: die Mädchen sind erwachsener und selbstbewußter geworden, die Beziehungen schwieriger, aber auch weniger oberflächlich, aus Männerfreundschaften werden Menschenfreundschaften – Hallwachs und Tauber machen halbe-halbe mit Agnes Dünneisen und Mascha Gonska, den klugen Frauen.

Die "kleinen Propheten" nennt Alain Tanner die acht Hauptfiguren seines "Jonas"-Films: Partisanen gegen den Stillstand. Die Helden von Uwe Brandners grauem, buntem, komischen Schwarzweißfilm (Schwarzweiß: ein selten gewordenen Luxus, den sich der Kameramann Jürgen Jürges hier gestatten darf) haben nichts als ihr eigenes, privates Überleben im Sinn. Sie werden aufpassen müssen, daß sie nicht zu Fellinis "Vitelloni" verkommen, alternden Kälbern, auf die die Schlachtbank wartet. Handstand allein ist nicht genug.

Aber ein Anfang. Man kommt aus dem Kino, schaut in die Sonne und denkt: So könnte es noch ein Weilchen weitergehen, bis es wieder ernst wird. Und hat Lust, auf den Händen zu gehen.

Hans C. Blumenberg