Von Gabriele Venzky

Drei Jahre sind es her, daß Bing Crosbys schmalziger Evergreen I am dreaming of a White Christmas im feuchtheißen Saigon plötzlich aus den Radios klang. Das war für die letzten Amerikaner das Signal zur Evakuierung. Zu träumen gab es nichts mehr. Kopflos und schmachvoll räumte die Weltmacht das Land, in überfüllten Schiffen und Flugzeugen.

Trauben von Vietnamesen, die als Kollaborateure der Amerikaner zu Recht um ihr Leben fürchteten, krallten sich an die Kufen abhebender Hubschrauber; sie wurden mit Gewehrkolben zurückgeschlagen – so wie vierzehn Tage vorher ihre kambodschanischen Verbündeten im umzingelten Phnom Penh. Als Graham Martin, die eingeholte US-Flagge unter dem Arm als einer der letzten vom Dach seiner Botschaft in Saigon startete, stieg der Hubschrauber in einer dicken Wolke von Tränengas auf, mit der amerikanische Marineinfanteristen eine verzweifelte, von Panik ergriffene Menschenmenge in Schach hielten. Vier Stunden blieben noch bis zum Einmarsch der ersten nordvietnamesischen Regimenter, ehe alles zusammenbrach, was die Amerikaner mit ungeheurem Aufwand in zehn Jahren Krieg – der sie 55 000 Gefallene und 350 Milliarden Mark gekostet hatte – "zur Verteidigung der Freiheit" aufgebaut hatten.

Das war am 30. April 1975.

Nordvietnam, das kleine, unterentwickelte Land, hatte sich und allen jenen, die Ho Tschi Minh wie einen Heiligen verehrten, die Überlegenheit seiner Ideologie bewiesen, sein Weg. zum Sozialismus hatte für sie ein Beispiel gesetzt. Vielleicht läßt sich daraus erklären, warum die Strategen in Hanoi noch ein zweites Mal versuchten, schier Unmögliches möglich zu machen: Beim Aufbau eines neuen Gesamtvietnam hoffen sie, im Widerspruch zur eigenen Theorie, den Sozialismus des Nordens und den wild wuchernden Kapitalismus, des Südens so lange friedlich nebeneinander bestehen lassen zu können, bis sich, wie selbstverständlich, der gesamte Staat zum Kommunismus entwickelt hat.

Zwar hat bisher noch keine kommunistische Partei nach einer Machtübernahme das kapitalistische System im eigenen Haus bestehen lassen. Doch die Nordvietnamesen trauten sich dieses Wagnis zu. Drei Jahre lang versuchten sie, die verängstigten und von innerem Widerstand erfüllten Südvietnamesen für sich zu gewinnen: durch Überredung, durch Indoktrinierung und durch ein wohldosiertes Maß an Druck – immer von der Überlegenheit und der Anziehungskraft des eigenen Systems überzeugt.

Die große Abrechnung blieb aus. Es gab keine Massenexekutionen und auch keine überstürzte Reorganisation der Gesellschaftsordnung oder gar eine Zwangskollektivierung der Bauern. Allerdings, mit der Freiheit war es vorbei. An die 300 000 Südvietnamesen wanderten in die Umerziehungslager der neuen Machthaber: ehemalige Beamte und hohe Offiziere der alten Regierung, ein Teil der 500 000 Prostituierten und der fast ebenso vielen Rauschgiftsüchtigen.