Der Fall, Teil I

"Ein Fall, woran nicht eine Verletzung, sondern eine Bewährung des Grundgesetzes der Bundesrepublik demonstriert werden muß Würde Peter Brückner – im Namen der Staatstreue – aus dem Lehramt entfernt, so wäre das, wie nachgewiesen werden kann, kein Vollzug, sondern eine Verletzung des Grundgesetzes."

Hans Mayer

Mißfallen erregten zuerst seine "unpatriotischen" Aufsätze; Empörung löste seine öffentliche Weigerung aus, einen Mann, den er für belastet hielt, in das höchste Staatsamt zu wählen; relegiert und um das akademische Lehramt an der Technischen Hochschule Hannover gebracht von einem kläglich taktierenden Kultusministerium wurde der bedeutende Wissenschaftler mit 54 Jahren. Sein Hauptwerk definierte die Aufgabenstellung eines Forscherlebens: "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen".

Man schrieb das Jahr 1926, dem er die Wahl-Gefolgschaft verweigert hatte, der hieß Paul von Hindenburg, dem und dessen Wählern wir dann alle so viel zu verdanken hatten, sieben Jahre später, 1933. In diesem Jahr erschossen deutsche SD-Agenten den Emigranten im tschechoslowakischen Exil: Theodor Lessing, Kulturphilosoph, Jude, Sozialist. Deutschland hat für alles seine Geschichte.

Die Technische Hochschule in Hannover ist heute eine Technische Universität, und der Jude und Sozialist, 56 Jahre alt, ist noch kein Emigrant – denn dem Ruf auf einen Lehrstuhl in Amsterdam durfte er, trotz seines Angebots, auf die Bezüge aus Hannover zu verzichten, nicht folgen. Dafür ist er vom Dienst suspendiert, hat Hausverbot für die Universität (bzw. das Institut für Psychologie, dessen Direktor er ist) und wartet auf ein Disziplinarverfahren. Wissenschaftsminister Eduard Pestel dringt auf Entlassung aus dem Staatsdienst. Die Rede ist von Professor Peter Brückner. Was ist vorgefallen?

Karl-Heinz Ruhland, weiland "Zeuge der Anklage" im Baader-Meinhof-Prozeß, hatte ausgesagt, Peter Brückner habe in seiner hannoverschen Wohnung ihn und Ulrike Meinhof versteht. Obwohl Staatsanwalt Nikolaus Borchers "Ungereimtheiten" in Ruhlands Aussagen zugab; obwohl die Zugehfrau in Brückners offenbar freizügigem Haushalt zwar Ruhland gesehen und die höchst konspirative Äußerung des Professors "Da ist ja schon wieder einer" gehört haben will, auf Photos Ulrike Meinhof aber nicht erkannt hat; obwohl ein Exemplar Lenin-Werke – "Ich habe mir hinterher gesagt: wo ist denn bloß Band 7?" – eigentlich wenig tauglich ist zur "bürgerlichen Tarnung" von Terroristen; obwohl nie geklärt wurde, ob Professor Brückner tatsächlich Quartier gemacht hat in Polle an der Weser für Ulrike Meinhof, so wenig Ruhlands belastende Aussage erhärtet werden konnte, Brückner habe Studentenausweise bzw. Briefe auf Universitätspapier ausgestellt: angeklagt wurde. Nach einer Sitzung des Innenausschusses im niedersächsischen Landtag im Februar 1971, die den Verdacht von Verbindungen Brückners zur Baader-Meinhof-Gruppe erörterte, wurde ein Jahr später im Düsseldorfer Oberlandesgericht verhandelt – ganze sieben Minuten; denn Peter Brückner verweigerte die Aussage, absurderweise sogar auf die Frage: "Ist das Ihre Wohnung?" (an Hand einer Skizze Ruhlands). Ein Psychologieprofessor sollte wissen, wie das wirkt. Auch wenn es sein Recht ist, "an dem nicht gemäkelt werden darf", wie Gerhard Mauz im Spiegel schrieb. Wer schweigt, hat’s nötig – dieser Eindruck entstand nun einmal. Wie auch eine Lebensweise sonderbar wirken mag, deren "Gastlichkeit" offenbar schrankenlos ist. Das Verfahren lief durch endlose Instanzen und endete schließlich 1975 mit einem Freispruch vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover; denn die 4800,–DM Geldstrafe für Brückners "Vertrauensvorschuß und unreflektierte Solidarität" kann man als Strafe nicht erkennen.

In den Jahren dazwischen saß der Professor nicht auf seinem Lehrstuhl, sondern auf einem Karussell der Absurdität. Schlagzeilen illuminierten das: "Einreise in die Schweiz verweigert"; "Mehr als 1000 Studenten beim Teach-in mit Brückner in Frankfurt" ; "Kultusminister wollte Brückner-Vertrag verhindern – Ohrfeige aus Heidelberg"; "Brückner spricht unbehelligt in Konstanz". Mal gab es einen Studenten-Fackelzug zur Brückner-Wohnung in Hannover, den er albernerweise vom Balkon mit "Venceremos" begrüßte, mal hielt sein Kollege Professor Seifert eine Rede, die ihrerseits zu Disziplinarverfahren gegen den Politologen führte. Das Ende seiner neunzehnmonatigen Dienstabwesenheit war der Beginn eines neuen Verfahrens – Brückner betrat im September 1973 sein semesterferienleeres Institut, schrieb auf einige Rechnungen "sachlich richtig" und vertiefte sich in ein Schreiben, das

ihm Kultusstaatssekretär Hans Wedemeyer in die Hand gedrückt hatte: Kultusminister von Oertzen, wie eh und je von der graziösen Charakterfestigkeit eines schwankenden Rohrs im Winde, hatte die von ihm angeordnete Suspendierung aufgehoben und gleichzeitig ein Ermittlungsverfahren zur Überprüfung der Verfassungstreue eingeleitet. Zum Dienstantritt ein blauer Brief.

Viel Wasser floß die Leine hinab, Verhandlungen, Anhörungen, Untersuchungen und Anwaltspapiere füllten Regale und Jahre. Da tat der unbotmäßige Professor neuerlich Unangemessenes.