Von Dietrich Strothmann

Oktober 1977 kam ein Jude, der seine Frau in Auschwitz verloren hat und jetzt in Kalifornien wohnt, zu Besuch zurück nach Deutschland. Eines Abends erlebte er dies an einem kleinen Bach in München-Solln:

"Wenigstens dreißig junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, gekleidet in schwarzen Uniformen, mit Schaftstiefeln und Hakenkreuzbinden, brennende Fackeln in den Händen haltend, sangen das Horst-Wessel-Lied und rissen. die Arme zum Hitlergruß hoch. Erst dachte ich an Filmaufnahmen. Einer schrie: ‚Kameraden, wir schwören euch Rache.‘ Dann versicherte er den Zuhörern, daß die in Nürnberg gehenkten ‚Helden‘ von Juden und Bolschewisten ermordet worden seien. Ihre Asche sei hier in den Bach geschüttet worden. ,Das große Strafgericht wird das jüdisch-bolschewistische Verbrechertum und alle anderen Feinde und Verräter Deutschlands mit Stumpf und Stiel ausrotten!’ Ich sah", fährt Arnim Rosenthal in seiner makaberen Schilderung fort, "keinen Protest unter den zahlreich anwesenden Zuhörern. Stumm ging man auseinander. Kein Alptraum, keine Filmaufnahme. Nein, Wirklichkeit im Jahre 1977 in Deutschland."

Wirklich deutsche Wirklichkeit 1977? Oder doch nur ein winziger Ausschnitt daraus, kaum der Rede wert, hätte sie nicht gerade einen Betroffenen getroffen?

Ein Stück dieser Wirklichkeit im Jahre 1978: Der "Egerländer" ist eine der unansehnlichen, dunklen Kneipen rund um den Hamburger Hauptbahnhof: Ein Tresen, zwei Tische, ein paar Stühle; alles wirkt abgenutzt, abgegriffen – Kaschemmenkolorit. Die einen kippen dort im Vorübergehen schnell ein Flaschenbier; die anderen treffen dort die Vorbereitung für ihre Revolution: Im "Egerländer" versammeln sich gelegentlich die neuen, jungen Braunen. Sie nennen sich selber die "Elite des Volkes", haben. Rudolf Heß zu ihrem Spitzenkandidaten für die anstehenden Europawahlen nominiert und wollen Deutschland, dem "ewigen Reich" von der Maas bis an die Memel, zu alter Weltgeltung verhelfen.

Im verqualmten "Egerländer" neben Herrentoilette und Spielautomat stellen sie sich als die wahren "Retter des Vaterlandes" der Presse: Der 22jährige Hamburger Michael Kühnen (siehe Kasten), ein Bundeswehr-Leutnant a. D., Anführer mehrerer neo-nazistischer Grüppchen und Gauführer der zu den Bürgerschaftswahlen gegründeten "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS); dazu seine gleichaltrigen Kameraden Tibor Schwarz, ein stämmiger Steinsetzer, Christian Worch, ein verlegen dreinblickender, arbeitsloser Notargehilfe, Frank Stubbemann, ein Kieler Mineralogie-Student, seines Zeichens "Aufbaubeauftragter" der ANS für Schleswig-Holstein außerdem ein 82jähriger von der verbotenen Sozialistischen Reichspartei, der sich vor "Stolz über die Jungen, die unser Werk fortsetzen" kaum halten kann; jener "Journalist" aus dem Niedersächsischen, der im Februar am Grabe des toten Kappler in Soltau seinen rechten Arm zum Hitlergruß erhoben hatte und dafür von der Polizei ein Ermittlungsverfahren an den Hals bekam; und, vor allem, der selbsternannte "Reichsverweser" Erwin Schönborn, der 64-jährige Vormarschierer des Frankfurter "Kampfbundes Deutscher Soldaten".

Das also sind jene, von denen ausländische Zeitungen soviel Aufhebens machen, vor allem regelmäßig das Neue Deutschland, wo das Politbüromitglied Mückenberger behauptete: "Die Bundesrepublik ist auf dem besten Wege, eine Kappler-Republik zu werden." – Vor ihnen zittern Juden, Antifaschisten, Demokraten. Mit ihnen machen angeblich Kapitalisten und "Revanchisten" von der CSU gemeinsame Sache und verbreiten den "Ludergeruch des Nazismus" (so der Moskauer Sender "Frieden und Fortschritt"). Vor ihnen, die jeder in ihren braunen Hemden, schwarzen Breecheshosen und Schaftstiefeln schon von weitem als Hitlers Harlekine ausmachen kann, stecken, so heißt es, Polizei und Verfassungsschutz ängstlich den Kopf in den Sand. Wie sie da, im abgetakelten "Egerländer" herumsitzen, breitbeinig und schmalbrüstig, mit dürren Worten ihre Thesen zur Aufhebung des NSDAP-Verbotes, zum Stopp des Atomkraftwerk-Bauprogramms, zum Ende der NS-Prozesse auftischen, möchte man allen Unkenrufen und Untergangspropheten empfehlen: Niedriger hängen!