Von Dietrich Strothmann

Oktober 1977 kam ein Jude, der seine Frau in Auschwitz verloren hat und jetzt in Kalifornien wohnt, zu Besuch zurück nach Deutschland. Eines Abends erlebte er dies an einem kleinen Bach in München-Solln:

"Wenigstens dreißig junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, gekleidet in schwarzen Uniformen, mit Schaftstiefeln und Hakenkreuzbinden, brennende Fackeln in den Händen haltend, sangen das Horst-Wessel-Lied und rissen. die Arme zum Hitlergruß hoch. Erst dachte ich an Filmaufnahmen. Einer schrie: ‚Kameraden, wir schwören euch Rache.‘ Dann versicherte er den Zuhörern, daß die in Nürnberg gehenkten ‚Helden‘ von Juden und Bolschewisten ermordet worden seien. Ihre Asche sei hier in den Bach geschüttet worden. ,Das große Strafgericht wird das jüdisch-bolschewistische Verbrechertum und alle anderen Feinde und Verräter Deutschlands mit Stumpf und Stiel ausrotten!’ Ich sah", fährt Arnim Rosenthal in seiner makaberen Schilderung fort, "keinen Protest unter den zahlreich anwesenden Zuhörern. Stumm ging man auseinander. Kein Alptraum, keine Filmaufnahme. Nein, Wirklichkeit im Jahre 1977 in Deutschland."

Wirklich deutsche Wirklichkeit 1977? Oder doch nur ein winziger Ausschnitt daraus, kaum der Rede wert, hätte sie nicht gerade einen Betroffenen getroffen?

Ein Stück dieser Wirklichkeit im Jahre 1978: Der "Egerländer" ist eine der unansehnlichen, dunklen Kneipen rund um den Hamburger Hauptbahnhof: Ein Tresen, zwei Tische, ein paar Stühle; alles wirkt abgenutzt, abgegriffen – Kaschemmenkolorit. Die einen kippen dort im Vorübergehen schnell ein Flaschenbier; die anderen treffen dort die Vorbereitung für ihre Revolution: Im "Egerländer" versammeln sich gelegentlich die neuen, jungen Braunen. Sie nennen sich selber die "Elite des Volkes", haben. Rudolf Heß zu ihrem Spitzenkandidaten für die anstehenden Europawahlen nominiert und wollen Deutschland, dem "ewigen Reich" von der Maas bis an die Memel, zu alter Weltgeltung verhelfen.

Im verqualmten "Egerländer" neben Herrentoilette und Spielautomat stellen sie sich als die wahren "Retter des Vaterlandes" der Presse: Der 22jährige Hamburger Michael Kühnen (siehe Kasten), ein Bundeswehr-Leutnant a. D., Anführer mehrerer neo-nazistischer Grüppchen und Gauführer der zu den Bürgerschaftswahlen gegründeten "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS); dazu seine gleichaltrigen Kameraden Tibor Schwarz, ein stämmiger Steinsetzer, Christian Worch, ein verlegen dreinblickender, arbeitsloser Notargehilfe, Frank Stubbemann, ein Kieler Mineralogie-Student, seines Zeichens "Aufbaubeauftragter" der ANS für Schleswig-Holstein außerdem ein 82jähriger von der verbotenen Sozialistischen Reichspartei, der sich vor "Stolz über die Jungen, die unser Werk fortsetzen" kaum halten kann; jener "Journalist" aus dem Niedersächsischen, der im Februar am Grabe des toten Kappler in Soltau seinen rechten Arm zum Hitlergruß erhoben hatte und dafür von der Polizei ein Ermittlungsverfahren an den Hals bekam; und, vor allem, der selbsternannte "Reichsverweser" Erwin Schönborn, der 64-jährige Vormarschierer des Frankfurter "Kampfbundes Deutscher Soldaten".

Das also sind jene, von denen ausländische Zeitungen soviel Aufhebens machen, vor allem regelmäßig das Neue Deutschland, wo das Politbüromitglied Mückenberger behauptete: "Die Bundesrepublik ist auf dem besten Wege, eine Kappler-Republik zu werden." – Vor ihnen zittern Juden, Antifaschisten, Demokraten. Mit ihnen machen angeblich Kapitalisten und "Revanchisten" von der CSU gemeinsame Sache und verbreiten den "Ludergeruch des Nazismus" (so der Moskauer Sender "Frieden und Fortschritt"). Vor ihnen, die jeder in ihren braunen Hemden, schwarzen Breecheshosen und Schaftstiefeln schon von weitem als Hitlers Harlekine ausmachen kann, stecken, so heißt es, Polizei und Verfassungsschutz ängstlich den Kopf in den Sand. Wie sie da, im abgetakelten "Egerländer" herumsitzen, breitbeinig und schmalbrüstig, mit dürren Worten ihre Thesen zur Aufhebung des NSDAP-Verbotes, zum Stopp des Atomkraftwerk-Bauprogramms, zum Ende der NS-Prozesse auftischen, möchte man allen Unkenrufen und Untergangspropheten empfehlen: Niedriger hängen!

Oder sind sie doch die höchst-gefährliche Vorhut einer-immer noch aktiven Nachhut? Steht etwa doch ein neues 1933 vor der deutschen Tür? Wo immer ein jüdischer Friedhof geschändet, eine Synagoge besudelt wird; wo immer ein Hakenkreuz an Häuserwände oder Schaufenster gesprüht oder geklebt wird; wo das Horst-Wessel-Lied gesungen, mit dem Totenkopf am braunen Schlips und der SS-Rune am Koppelschloß durch die Straßen marschiert wird – da heißt es: Sie kommen wieder, oder gar: Sie sind schon da, Im Grunde gibt ja sie gar nicht – wenngleich mancher sich Sorgen macht.

SPD-Unterbezirke, Juso-Kreise und Bürgerkomitees warnen die Öffentlichkeit! Es hat schon einmal klein angefangen, auch mit nur sieben Mann. Der IPD-Vorsitzende Willy Brandt schrieb dem Bundeskanzler einen Mahnbrief, künftig auf die Rechtsextremisten ebenso zu achten wie auf die Linksterroristen: Er habe den Verdacht daß "die auf kommunaler Ebene zur Entscheidung Berufenen den uns von rechtsextremistischen, neonazistischen Gruppen drohenden Gefahren weit weniger wachsam gegenüberstehen als den Angriffen von links". Wissenschaftler wie der Bonner Historiker Karl-Dietrich Bracher blicken besorgt zurück und malen Schreckensbilder an die Wand: "Auch in den zwanziger Jahren war zunächst das Auf und Ab der rechtsradikalen Gruppen und nicht etwa eine starke große Partei das Charakteristikum. Es gibt zahlreiche Ansätze, die im Falle einer sozialen und Ökonomischen Krise durchaus nieder am einer politischen Bewegung aktualisiert werden könnten." Der Hamburger Innensenator Werner Staak befindet, daß aus "einzelnen entlichen Schwelbränden ein neonazistischer Flächenbrand" werden könnte; Zur Erhärtung seiner düsteren Prophezeihung nennt er die Zahl von 580 Neonazis in der Hansestadt. Dabei sind es in Wahrheit höchstens zwei Dutzend Aktive; 250 gehören der absterbenden Nationaldemokratischen Partei an; weitere 220 haben eine Doppelmitgliedschaft Und das in einer Millionenstadt.

Nicht anders ist es im gesamten Bundesgebiet, wo sich die Neonazis als Minigruppen außer in Hamburg noch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen, im Frankfurter und fränkischen Raum konzentrieren. Von 1976 bis 1977 – seit dieser Zeit erst machen sie häufiger von sich reden – stieg der Anteil der Neonazis von 600 auf 1000 an; davon werden lediglich 150 bis 200 zum harten Kern gerechnet, und; von ihnen wiederum neigen höchstens 50 zu Gewalttaten. Das ist die "braune Brut": gemessen. an der Gesamtbevölkerung 0,0016 Prozent!

Sind es dann etwa tatsächlich allein Fernsehreporter, die – von den publizitätssüchtigen Hitler-Jünglingen zu konspirativen Treffs geladen – aus einer Mücke gleich einen Elefanten machen? Sind es vor allem ausländische Kommentatoren, die von einer "braunen Flutwelle" phantasieren? Dies ist nur eine aus einer Reihe besonders lächerlicher Behauptungen: Nach der Schleyer-Entführung schrieb Le Monde im September 1977, die Studenten hätten sich im Räderwerk des Terrorismus verfangen, um zum Beispiel im letzten Moment zu verhindern, daß die NPD bei der nächsten Bundestagswahl in Frankfurt am Main die Macht übernimmt und dort die "erste deutschnationale Hauptstadt" Deutschlands ausruft. Als so der "immer noch lebendige Bazillus des Nationalsozialismus" beschworen wurde, meldete sich der Pariser Politologe Alfred Grosser zu Wort: "Ich sagte bereits 1969: Wenn Willy Brandt bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit von 50 Prozent gewonnen und die NPD mit fünf Prozent in den Bundestag eingezogen wäre, so hätte die gesamte ausländische Presse ihre Aufmerksamkeit auf die fünf Prozent konzentriert." Dieser Tage erst stellte der Hamburger Altbürgermeister Herbert Weichmann richtig: Zu Befürchtungen lasse eine "objektive Untersuchung keinen Grund erkennen. Das Übel liegt häufig nicht in dem Vorhandensein einer rechtsextremen Gruppe, sondern in der übertriebenen Publizität, mit der ein Fall hochgespielt wird".

Das Potential an Rechtsextremisten fällt kaum ins Gewicht. Neue Hitler, Himmler und Heydrichs haben in der Bundesrepublik keine Chance. Dennoch: Der neonazistische Ungeist, der sich in sektiererischen Zirkeln und Zellen rührt, hat in den letzten drei Jahren eine neue Qualität gewonnen, die der Verfassungsschutz aufmerksam registriert. Er scheut sich nicht erstens unverblümt den Nationalsozialismus zu verherrlichen,

zweitens unverhohlen Antisemitismus zu predigen und drittens Gewalt anzuwenden.

Verherrlichung des Nationalsozialismus: Der Jungnazi Michael Kühnen, der für die Wiederzulassung der NSDAP ficht und auf seinem ANS-Wahlprogramm bereits andeutungsweise das Hakenkreuz (nur die Haken) drucken ließ, sieht sich als Wegbereiter. Er will "Diener sein einer kommenden NSDAP, die irgendwann einmal in Deutschland Geschichte machen wird. Sonst gibt es möglicherweise in der übernächsten Generation kein Deutschland mehr". Aber wie für den selbsternannten "Obernazi", den ehemaligen Anwalt Manfred Roeder von der "Deutschen Bürgerinitiative", das "Deutsche Reich seit 1945 nicht aufgehört hat zu existieren" und Ex-Großadmiral Dönitz nach wie vor der "rechtmäßige Führer" dieses "ewigen Reiches" ist, so marschieren auch die Jungvolkrotten in schwarzer, uniform-ähnlicher Kleidung für die Wiedergeburt des Nationalsozialismus zu ihren "Reichstagen" und "Auschwitz-Kongressen", singen "Es zittern die morschen Knochen" für ein Großdeutschland ohne Parteiendemokratie, ohne Meinungsfreiheit, dafür mit Führerprinzip, Arbeitsdienst, Weltmachtstellung und freigelassenen KZ-Mördern, die sie "NS-Kämpfer" nennen.

Roeder preist Hitler als "Friedensbringer" und "größten Sohn unserer Geschichte", seine Gefolgschaft brüllt "Deutschland erwache". Er ergeht sich in ordinären Ausdrücken über diese "Drecksrepublik", die von einer "Verbrecherclique" beherrscht werde, über diese "Lumpendemokratie", in der nur der "Abschaum der Gosse nach oben kommt". Einen seiner letzten Schund- und Schmutz-Rundbriefe an die "lieben Freunde" schloß der "politisch verfolgte" Roeder so: "Es zittern die morschen Knochen dieser verfaulenden Welt. Uns kann man damit nicht mehr schrecken, wenn alles in Scherben fällt. Wir werden weiter marschieren und siegen! Wir haben nichts mehr zu verteidigen und zu retten. Im Gegenteil: Was fällt, werden wir noch stoßen!"

Kühnens und Roeders Radikalenriege klebt nicht nur des Nachts Hakenkreuzzettel mit der Parole "NSDAP – jetzt", sie hängt sich nicht nur Hitler-Konterfeis an ihre Stubenwände, tritt nicht nur als "SA-Sturm 8. Mai" auf (dem Tag der Kapitulation), schreit nicht nur "Ewig büßen für Hitler?" und "Dreißig Jahre Lüge ist genug!" Sie geißelt nicht nur den "Bußdrill", die "pharisäerhafte Falschmünzergilde", das "Geschmeiß", den "Pestherd" in Bonn, die "Kriegsfallpolitik" und den "feigen Ritualmord" an den Nürnberger Kriegsverbrechern. Diese Spätnazis reden vom "großen Polypen", der in der Bundesrepublik "alle umschlungen hat und ihnen das Mark aus den Knochen saugt". Nach ihrer Ansicht darf auch der "Kommunismus nur soviel Spielraum haben wie ein Gehängter zwischen Hals und Strick".

Der Antisemitismus: "Wir kommen", mit dieser Parole wollen sie den Bürgern Angst machen – vor allem den knapp 30 000 Juden, die noch in der Bundesrepublik leben. Sie reden sich darauf hinaus, Antizionisten zu sein, keine Antisemiten, doch haben sie den Judenhaß auf ihre blutroten Hakenkreuzfahnen geschrieben.

Das fängt mit ihrer Behauptung von der "Auschwitz-Lüge" an, wonach es keine sechs Millionen ermordeter Juden gegeben habe, keine Gaskammern (nur Großbäckereien, mit dem "süßlichen Geruch" von "Weihnachtsgebäck"). Es setzt sich fort mit reinen Streicher-Sentenzen: "Der Zionismus will die Welt beherrschen. Sollen wir zulassen, daß die Zionisten sich in allen Völkern dieser Erde festsetzen, vom Blut und Schweiß dieser Völker leben? Sie unterdrücken und ausbeuten zu lassen, wie das Schmarotzertum es auf das Banner des Zionismus geschrieben hat? Dies zu wollen, hieße, sich das Messer in die eigene Brust zu stoßen bis zum Heft, um es dann noch in der blutenden Wunde herumzudrehen." Und es endet in dem altbekannten Hetzappell "Juda verrecke", der an jüdische Geschäfte geschmiert wird, in der Wiederholung der widerwärtigen NS-Metapher: "In Auschwitz macht die Arbeit frei", die an Synagogen gekliert wird, oder in jenem "Judensong" nach der Melodie "Die Vögel wollten Hochzeit machen", der in Hamburg auf Flugblättern auftauchte:

"In Buchenwald, in Buchenwald, macht Adolf alle Juden kalt (Refrain: Fiderallala, Fiderallala Fiderallalallalla) Und auch im KZ Maidanek, da putzen wir die Juden weg / So eine Gaskur im KZ, die finden alle Juden nett / Zu Juden wollen sozial wir sein, die Gaskur gibt’s auf Krankenschein / ... / Und die Moral von der Geschieht’: Wer Jud ist, überlebt es nicht / In Auschwitz ist die Stimmung toll, die Öfen sind bald wieder voll." Als "nationaler Märtyrer" wurde von Roeder jener Wolf Dieter Eckert gefeiert, der 1976 wegen dieser Haßergüsse zu acht Monaten Haft verurteilt wurde: "Schlagt den Juden in die schadenfrohe Fresse. Zertrümmert ihnen die Fenster, kennzeichnet die Häuser von Juden als solche. Brennt die Synagogen ab, soweit sie noch stehen. Deutschland erwache! Arier, kämpft für eine arische Völkergemeinschaft, und vernichtet das Judentum, das unser aller Unglück ist. Sieg Heil!"

Manfred Roeder, der 1974 den Startschuß für die antisemitische Haßkampagne gab, verbündete sich dabei mit dem schleswig-holsteinischen Agrar-Journalisten Thies Christophersen von der "Bürger- und Bauerninitiative" (der einige Monate in der Pflanzenversuchsabteilung des Vernichtungslagers gearbeitet und darüber sein Verschleierungsbuch "Die Auschwitzer" geschrieben hat). Ihr gemeinsames Bekenntnis: "Mit Auschwitz haben wir den Rubikon überschritten!" Zwei Jahre später stieß der bereits mehrfach verurteilte "Retter des Vaterlandes" (Roeder über Roeder) auf ein weiteres Kampffeld vor – das des Terrorismus.

Gewaltanwendung: Querverbindungen zwischen rechten und linken Extremisten gibt es seit langem. Die Pistole zur Berliner Baader-Befreiung 1970 war durch die Vermittlung eines stadtbekannten Rechtsradikalen beschafft worden (dem Wirt der Kneipe "Wolfsschanze", Horst Mach). Auch Neonazis unterhielten enge Kontakte zu den Freischärlern von der Palästinensischen Befreiungsfront. Die Gewalttätigkeit der Baader-Meinhof-Leute fand zunehmend Applaus und Nachahmung im Lager der Hitlereleven.

Nicht allein, daß Roeder für "Baader, Ensslin und deren Ableger" eine verquere Sympathie bekundete, weil er "fast denselben Ekel über diese Gesellschaft empfindet wie sie". Unter der Überschrift "Der Wind schlägt um" verkündete er seinen Anhängern, der Terror sei eine "Hoffnung" für Deutschland: "Wer den Bombenterror der demokratischen RAF (Royal Air Force) gegen wehrlose Frauen und Kinder billigt erntet den Terror der RAF (Rote Armee Fraktion) gegen demokratische Funktionäre." Oder: "Wer dreißig Jahre lang die Jugend gegen die Eltern aufhetzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Jugend eines Tages zur Maschinenpistole greift." Und es blieb nicht dabei, daß auch nach der Ermordung des Generalbundesanwaltes die neonazistische "Reichszeitung" Wille und Weg den Buback-Nachruf eines rechtsradikalen Mescalero veröffentlichte, dessen Schlußvers lautet:

"Ein Judensöldling war der Buback, Siegfried / Drum sind wir ehrlich bei seinem hiesigen Abschied / Kein falsches Mitleid tut uns verschleichen / bei dieser und bei ferneren Leichen / Wir Nazis haben nichts gemein mit den Roten / doch ebenfalls, gar nichts mit Buback, dem toten / und dem von ihm verkörperten Staat / der, wo er nur konnte, uns Böses tat / Was jetzt kommt, ist Chaos, doch das muß wohl sein / und dann zwingen wir Rot raus und Braun hinein!"

Neuerdings soll es – wie der Verfassungsschutz erfuhr – Schwarze Listen geben, die Rechtsextremisten über jene Staatsanwälte und Richter angelegt haben, die sie einmal hinter Gittern brachten. Auf einem Flugblatt steht die Mordandrohung: "Tag X – Heß’ Tod in Spandau." In Steckbriefen über die alliierten "Schuldigen" des Nürnberger Tribunals heißt es klipp und klar: "Tötet sie, wo ihr sie trefft!" Auf seinem Regensburger "Reichstag" hatte Roeder nach der "Hinrichtung" Bubacks angekündigt: "Nun liegt der, der uns zur Strecke bringen wollte, unter der Erde. Alle, die uns verfolgen, sollen ein schmähliches Ende finden und ihre gerechte Strafe."

Vor allem aber sind in jüngster Zeit einige der rabiaten rechtsextremen Politrocker nach dem Vorbild linker Terroristen noch einen Schritt weitergegangen: Erstmals überfielen sie ein Bankinstitut, wo sie 60 000 Mark erbeuteten (im Dezember 1977 eine Hamburger Sparkassenfiliale); erstmals, in größerem Stil, stahlen sie Waffen (im Februar 1978 auf dem niedersächsischen Nato-Übungsplatz Bergen-Hohne, wo sie vier Maschinenpistolen raubten, die einer der Täter nach ihrer Verhaftung der Polizei zurückgab).

Es sind Einzelfälle, auffallend aber ist, daß eine neue Militanz um sich greift. Manches spricht für die Vermutung der Verfassungsschützer, das Links Rechts hochschaukele. Die Zahl rechtsradikaler Gewalttaten ging zwar zurück (von 21 im Jahre 1975 auf 16 im folgenden Jahr), doch nahmen sie schärfere Formen an. Und eindeutig zugenommen haben (siehe Graphik) die Ausschreitungen (um 50 Prozent) und die Hakenkreuzschmierereien (um über 100 Prozent). Zugleich ist auch in den letzten beiden Jahren die Zahl der Ermittlungsverfahren (von 80 auf 317), der Verurteilungen (von 33 auf rund 50) gestiegen.

Bemerkenswert ist bei alledem der wachsende Anteil von Jugendlichen. In Hannover (ZEIT, Nr. 7/10. 2. 1978) machen Oberschüler aus intakten Elternhäusern bei der sogenannten Totenkopfbande mit, die in Einzelfällen Juden bedrohten, in der Hauptsache aber Pamphlete verteilen; vier von ihnen stehen jetzt vor dem Richter. Immer mehr Halbstarke scheinen sich vom organisierten Rüpel-Neonazismus angezogen zu fühlen: von dem, was dort Kameradschaft, Disziplin, Kampfgeist genannt wird und was im "heiligen Auftrag" einer uniformierten "verschworenen Gemeinschaft" des Nachts, wenn die braven Bürger schlafen, beim Beschmieren und Besudeln in die Tat umgesetzt wird: Hakenkreuze, "Deutsche, kauft nicht bei Juden", "Rotfront verrecke". Die titanischen Tiraden Roeders ("Ohne Deutsches Reich gibt es für kein Land der Erde eine menschenwürdige Zukunft") mögen sie gar nicht wirklich begreifen, aber in ihrem unausgegorenen Widerstandswillen wollen sie es der "Gesellschaft" einmal zeigen. Manche finden es schick, das Establishment mit Gejohle und Gesinge zu provozieren – wie es die Halbwelt-Eleganz schick findet, diamantenbesetzte Hakenkreuze als Halsschmuck zu tragen.

Manches mag den Rechten Wasser auf ihre klapprigen Mühlen geführt haben: daß über das Unrechtregime der Nazis lange Zeit gar nicht oder bloß lückenhaft unterrichtet wurde; daß Hitler auf dem Markt der Bücher, Schallplatten und Filme bis hin zu einer Rock-Oper eine Art Verkaufsschlager geworden ist (siehe Kasten: Das Geschäft mit Hitler); daß nach den Ostfriesen- grausige Judenwitze die Runde machen ("Wie kriegt man neun Juden in einen Fiat 500? – Vier auf die Sitze, fünf in den Aschenbecher"); daß an der Bundeswehrhochschule München betrunkene Leutnants "Juden verbrennen" spielten. Die Feststellung des Psychologieprofessors Walter Jaide gibt zu denken: Die Jugend entfremde sich nach rechts. Der Hamburger Innensenator Staak urteilte jüngst über rechtsextremistische Rocker und Schläger, es handele sich dabei "meist um junge Leute, die einem verklärten Geschichtsbild anhängen".

Ganz abwegig scheint die Überzeugung des halberwachsenen Neonazi-Rottenführers Michael Kühnen, der sich mancher Jugendlicher unter seinem Kommando rühmen kann, nicht zu sein: "Die Hitlerwelle hat zur Auflockerung der öffentlichen Meinung beigetragen." Er behauptet auch, in der Bundeswehr Anhänger zu haben. Seit einem mehrwöchigen Amerikaaufenthalt entdeckt Roeder anfeuernde Beispiele im benachbarten Ausland: den rechtsradikalen Terror in Italien, die Straßenschlachten der rassistischen "Nationalen Front" in England, den organisierten Haß auf Neger und Juden in den Vereinigten Staaten. "Die weißen Riesen kommen", schrecken sie die ahnungslosen Bürger; vor ihnen, so trumpft Roeder auf, "verkriechen sich Reichsfeinde und Zionisten".

In der Bundesrepublik hat es Rechte schon immer gegeben – bald nach ihrer Gründung mit der später verbotenen "Sozialistischen Reichspartei" (SRP) der Doris und Remer; dann, während der Großen Koalition und wirtschaftlichen Rezession, mit den Nationaldemokraten unter Adolf von Thadden, die heute nur noch ein Schattendasein führen.

Vielerlei Versuche wurden unternommen, das Phänomen des Rechtsextremismus zu erklären: Von "Paläonazis" sprach Eberhard Jäckel, vom "Hitler in uns" Max Picard, von unserer "Unfähigkeit zu trauern" und damit zu bewältigen und zu begreifen, Alexander Mitscherlich. Eine aktuelle Diagnose gibt Eugen Kogon: Die nachgewachsene Generation könne sich frei von Verantwortung fühlen, unschuldig an den Verbrechen der Vergangenheit.

Manches hat dazu beigetragen, daß der braune Bodensatz erhalten blieb: die Entnazifizierungs-Mißgriffe, die frühzeitige Entlassung von Verurteilten aus alliierter Haft, der Antikommunismus-Feldzug und die Wiederaufrüstung während des Kalten Krieges, schließlich auch – in der Adenauer-Ära – einige widrige Affären im Regierungslager: der Fall des ehemaligen Goebbels-Staatssekretärs Werner Naumann und seines der FDP nahestehenden "Gauleiterkreises"(1953), der Fall des niedersächsischen FDP-Kultusministers Leonhard Schlüter (1955), das Ärgernis mit dem "tiefbraunen" (so Adenauer selber) Vertriebenenminister Theodor Oberländer, der erst 1960 das Weite suchte und – ein weiterer Schlag – von dem CDU-Mann Krüger ersetzt wurde, bei dem sich alsbald herausstellte, daß er zuvor NS-Sonderrichter gewesen sei.

Anderes vermochte der schlaue Fuchs Adenauer zu verhindern: die Radikalisierung der Flüchtlinge im "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE), dessen allmähliche Absorbtion in seine Union er mit dem gleichen Geschick betrieb wie später die der Deutschen Partei; das übermäßige Anwachsen von Traditionsverbänden, ob der Burschenschaften oder der SS-"Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HAIG)", vor allem aber – durch das höchstrichterliche Verbot der SRP – das Aufkommen einer zu Buche schlagenden organisierten Rechten.

Die 1949 gegründete "Sozialistische Reichspartei", zu der nach und nach die "Deutsche Reichspartei" und "Deutsche Rechtspartei" stießen, konnte – nachdem sie vor allem bei Wahlen in Niedersachsen (11 Prozent) wie auch in Bremen (7,7 Prozent) erfolgreich gewesen war und 1950 bereits an die 10 000 Mitglieder zählte – nur von Karlsruhe aus dem Verkehr gezogen werden. Weil die SRP behauptete, das Deutsche Reich bestehe unter dem "Führer Dönitz" weiter (was heute auch Roeder postuliert), weil sie eine SA-ähnliche Eliteformation unterhielt, dem Führerprinzip und Antisemitismus huldigte, sowie in ihrer Vorstellungswelt und ihrem Gesamtstil eine "physiognomische Übereinstimmung mit der NSDAP" vorwies, erklärte sie das Bundesverfassungsgericht mit Urteil vom 23. Oktober 1952 für verfassungswidrig. Die Folge: Der organisierte Rechtsextremismus zerfiel, zersplitterte sich – wie auch heute wieder – in Winkelvereine und Kaschemmenklubs.

Aufgeschreckt wurde die Öffentlichkeit in den frühen Jahren der Bundesrepublik von gelegentlichen Schmieraktionen auf jüdischen Friedhöfen und an Gotteshäusern. Die dramatischste Synagogen-Schändung fand Weihnachten 1959 in Köln statt. Ihre weltweite Publizität löste eine Welle von Nachahmungstaten aus: Bis zum 15. Februar 1960 wurden insgesamt 833 weitere Anschläge registriert, 321 Täter ermittelt, darunter auch Kinder. Damals schon nannte Carlo Schmid, Vizepräsident des Bundestages, drei Gründe für diese Haßausbrüche, die bei ähnlichen Vorfällen heute wieder vorgebracht werden:

  • Der Wunsch, in die "Wochenschau" und in die Zeitung zu kommen.
  • Der Mängel an Unterrichtung. ("Solange bei uns nicht jedes Kind darüber belehrt worden ist und begriffen hat, daß das Problem nicht ist, ob sechs oder drei Millionen, sondern ob null oder einer ermordet worden ist, so lange haben wir versagt.")
  • Das Reservoir an "herostratischer Großmannssucht".

Schmid fügte hinzu: "Es gibt Lagen, in denen man die schlafenden Höllenhunde wecken muß, um an ihrem Gebell erinnert zu werden, wie nahe wir der Hölle noch sind." der "alten Rechten" Zulauf: Ihre Anhängerschaft nahm von 1500 im Jahre 1975 auf gegenwärtig 1800 zu. Ehemalige JN-Gefährten bilden auch den Kern gewaltbereiter Neonazi-Kader.

Von ihnen sind die drei wichtigsten jene von Manfred Roeder, Erwin Schönborn und Thies Christophersen angeführten Haufen. Verstärkung erhalten sie von der Schutztruppe des "Wehrsport"-Gruppenführers Karl-Heinz Hoffmann. Sie zusammen bilden die Speerspitze der sogenannten NS-Renaissancebewegung. Unter den rund 18 vom Verfassungsschutz erfaßten Gruppen sorgen die von ihnen befehligten Trupps "Deutsche Bürgerinitiative", "Kampfbund Deutscher Soldaten" und "Bauern- und Bürgerinitiative" – die zusammen im Höchstfall 400 Anhänger zählen – für gelegentliches Aufsehen. Die übrigen, darunter manche Ein-Mann-Gemeinschaft und Familienunternehmung, krebsen in nahezu totaler Anonymität dahin.

Rechtmäßig verurteilt wurden die drei Klein-Führer bereits alle zu Haft- oder Geldstrafen – wobei sie ihre Prozesse mit Assistenz herbeigekarrter Gesinnungsgenossen stets als Propagandabühne benutzten, das Absingen ihrer Kampflieder eingeschlossen. (Roeder, zuletzt rechtskräftig in Flensburg zu sechs Monaten bestraft, ist untergetaucht und wird zur Zeit von Interpol gesucht; Ende April sollte gegen ihn in einem anderen Verfahren vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verhandelt werden.)

Unter notorischem Geldmangel leiden ebenso alle, wobei Roeder regelmäßig in seinen "Freundesbriefen" am heftigsten klagt (für seinen "Reichsshof", ein für 170 000 Mark erworbenes ehemaliges 15-Zimmer-Hotel auf dem 634 Meter hohen Knüll bei Schwarzenborn, bittet er ebenso um Spenden wie zum Unterhalt seiner "sechs kleinen Kinder").

Dabei ist der 50jährige Ex-Anwalt Roeder noch der intelligenteste, agilste von allen. Seine marktschreierischen Sentenzen haben auch die größte Wirkung in den Hinterzimmern des Rechtslagers. Sie schlucken alles, was er ihnen predigt: Ob er die Baader-Meinhof-Extremisten wegen ihres Antizionismus lobt und verlautbart, er würde im Gefängnis lieber einen von ihnen in der Nebenzelle haben, als einen Polizisten; ob er nach seiner fast unerkannten Teilnahme an den Brokdorf-Demonstrationen verkündet: "Der Terror ist zu begrüßen. Es kann nicht schlimm genug kommen"; erst recht, wenn er die Bundesrepublik in Anlehnung an die SBZ (Sowjetische Besatzungszone) eine "KBZ" nennt, eine "Kapitalistische Besatzungszone"; sogar wenn er hinausposaunt, der Kern seiner "Bürgerinitiative" sei "die Familie Roeder. Ich sehe weit und breit keinen anderen mit besseren Führungsqualitäten". Er stuft sich als "Sachwalter für zehn Millionen deutsche Soldaten" ein, vertritt die "gesunde Auffassung von 90 Millionen" (wobei zu fragen ist, wie er zu solchen Zahlen kommt), versteht sich "weiterhin als Nationalsozialist" (obwohl er 1945 gerade 16 Jahre alt war) – als "Anwalt der Gerechtigkeit" will er jedenfalls das deutsche Volk vor dem Auslöschen bewahren.

Angefangen hatte der bibelfeste Jurastudent Roeder aus musischem Elternhaus bei der Evangelischen Studentengemeinde, erste politische Erfahrungen sammelte er als CDU-Mitglied, frühe Protesterlebnisse hatte er 1970 bei seinen Attacken mit Farbbeuteln und Buttersäurebehältern auf Sexmessen. Dann, nachdem er 1971 seine "Bürgerinitiative" aus dem Sumpf gehoben hatte und ihm vom Finanzamt "Gemeinnützigkeit" bestätigt worden war, nachdem er den Beschönigungsreport von Christophersen über Auschwitz gelesen und dazu das Vorwort verfaßt hatte, kam sein Umschwung in die Hitlerei. Er randalierte in Theatern, wo eine Schlageter-Persiflage aufgeführt wurde, er legte einen Kranz vor das Nürnberger Justizgebäude zum Gedenken an die gehängten NS-Hauptkriegsverbrecher ab, er zelebrierte seine "Reichstage" (bisher drei), er lud "im Angesicht unserer Feinde" zum Trachtentanz auf seinen Knüll ein, er beschimpfte den hingerichteten Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "ehrlosen Landesverräter" und erstattete – der "blutvolle Kämpfer" – in seinem hospitalreifen Verfolgungswahn gegen Polizisten, "wahrscheinlich Juden oder angekaufte Elemente des israelischen Geheimdienstes", Anzeige wegen Mordversuches. Ein Möchtegern-Führer an der Spitze seiner Kümmerlinge vom Knüll.

Weniger auf Show bedacht, auch älter und weniger eloquent sind seine Kumpane aus der gemeinsamen Spukszene: Thies Christophersen und Erwin Schönborn. Mit seiner 1972 gegründeten "Bürger- und Bauerninitiative", seiner "Bauernschaft"-Zeitschrift und einem Auschwitz-Buch hat der 59jährige Kälberhagener Bauer Christophersen außer bei Prozessen kaum Aufsehen erregt. Mehr Wesens von sich selber macht da schon der 64jährige ehemalige Reichsarbeitsdienst-Oberfeldmeister und Verleger Erwin Schönborn, der sich "deutscher Reichsverweser" nennt und seit 1975 den Frankfurter "Kampfbund Deutscher Soldaten" kommandiert. Daneben ist er Vorsitzender der"Deutsch-arabischen Gesellschaft", der "Freien sozialen Volkspartei", der "Vereinigung Verfassungstreuer Kräfte" und seit 1977 auch noch der "Aktionsgemeinschaft Nationales Europa", mit der er sich an den Wahlen zum Europäischen Parlament beteiligen will. Schönborns kostspielige Kampagnen richten sich hauptsächlich gegen die "Vergasungslüge", zu der er dieses Flugblatt herausgab, das kürzlich auch in Düsseldorf zum Maidanek-Prozeß verteilt wurde:

"10 000,– DM Belohnung zahlen wir für jede einwandfrei nachgewiesene ‚Vergasung‘ in einer ‚Gaskammer‘ eines deutschen KZ’s. Wir akzeptieren keine KZ-Zeugen aus Polen, Israel oder den USA, die, wie in den NS-Prozessen, Meineide gschworen haben, ohne dafür belangt werden zu können."

Zumindest bei Schönborn zeigen sich gelegentlich auch Ansätze zu einer nüchternen Beurteilung der Chancen für eine rechtsradikale Republik. Einmal bekannte er: "Hitler hat da ein fürchterliches Erbe hinterlassen. Er hat mit sieben Leuten angefangen. Jetzt glauben alle, sie schaffen’s auch mit sieben." Ein anderes Mal gab er zu Bedenken: "Ich habe nichts gegen die Hakenkreuzfahne. Aber wir können erst wieder eine NSDAP gründen, wenn ein neuer Führer da ist." Und auf den warten sie noch heute, vergebens.

Immer mal wieder Aufhebens von sich macht außer der "Deutschen Volksunion" (3500 Mitglieder) des rührigen Rechtsverlegers Gerhard Frey (über 400 Ermittlungsverfahren) noch die "Wehrsportgruppe" des Nürnberger Graphikers Karl-Heinz Hoffmann, eines vierzigjährigen Schießprügelfetischisten (der früher wegen Waffenschmuggels in der Türkei verhaftet worden war, vor einiger Zeit wegen Tragens von Uniformteilen verurteilt wurde und dieser Tage unter der Anklage schweren Landfriedensbruchs vor Gericht steht). Mit einem Panzer, mit Karabinern (deren Läufe zugeschweißt sind) und Handgranaten-Attrappen zieht er mitsamt seiner knapp 50-Mann-Kompanie regelmäßig ins Manöver. Kein "hackenklapperndes Männchen", leistete er Roeder bei dessen Auftritten Leibwächterdienste, meint wie dieser, daß "Hitler ein genialer Mensch" war und der "ganze uferlose Parlamentarismus verschwinden" müsse.

Nach einer Übersicht des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz über rechtsextremistische Aktivitäten im vergangenen Jahr wurden bei jeder zweiten Verhaftung Waffen gefunden, bei fast jeder Hausdurchsuchung NS-Propagandamaterialien beschlagnahmt (in einer Frankfurter Wohnung allein 2500 Hakenkreuz-Aufkleber, 2000 Druckschriften und 500 Hakenkreuzplakate). Jede Nacht passiert es irgendwo in der Bundesrepublik, daß an einem Haus ein Zettel "NSDAP – jetzt" hängt, daß an eine Wand "Juden raus" gesprüht wird oder – weniger häufig – Grabsteine beschmiert und umgeworfen werden, das gegrölte Horst-Wessel-Lied entsetzte Bürger aus dem Schlaf reißt. Das alles geschieht.

Oft genug kommt die Polizei zu spät, kann der Übeltäter auf frischer Tat nicht habhaft werden. Tags drauf aber steht es in den Schlagzeilen, oder flimmert als geballte neonazistische Ladung über die Bildschirme. Und dann ist regelmäßig das Erschrecken groß, die Angst vor einem neuen Hitler-Deutschland übermächtig. Daß gerade die Betroffenen verständlicherweise zu manchen Übertreibungen neigen; daß beispielsweise zu den Fernsehaufnahmen über die "Felddienstübuhgen" der Hoffmann-Gruppe immer nur der eine Panzer im Kreis herumfuhr, so daß der Eindruck einer Panzerkolonne entstand; daß manche "Aktionen" von V-Leuten des Verfassungsschutzes gestartet wurden, um die allmähliche Selbstzerstörung der von ihnen konsequent unterlaufenen Zirkel voranzutreiben – das alles wird geflissentlich übersehen, teils absichtlich, teils unabsichtlich verschwiegen. Dazu drei weitere Beispiele aus jüngster Zeit:

Fall Nummer eins: Am 19. April 1977 wurde der jüdische Friedhof in Hannover-Bothfeld geschändet. Dies nahm unter anderem die New York Times zum Anlaß ihres Kommentars: "Die Juden fühlen sich so stark bedroht wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr."

Tatsache ist, daß es sich bei dem Täter um einen vorbestraften Kriminellen handelte; er wurde zu 15 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Fall Nummer zwei: Im September 1977 tauchte in Berlin ein Flugblatt auf, unterschrieben vom NSDAP-"Führer" Wilhelm Wübbels (einem Bocholter Frührentner) und vom US-Obernazi Lauck (Lincoln/Nebraska; 1974 in Hamburg verhaftet, ausgewiesen und mit Aufenthaltsverbot belegt). Dort war von dem Urteil eines "Reichs-Rechtsnotstandsgerichts" gegen 19 "Ehrlose" wie Baader, Raspe Ensslin, Mahler, Teufel und Croissant die Rede. Sie seien, hieß es, "vogelfrei nach deutschem Recht"; für die Tötung jedes dieser "Volksschädlinge" werde eine Summe von 100 000 Mark gezahlt Das Feme-Flugblatt sorgte für beträchtlichen Wirbel.

Tatsächlich, so wurde bekannt, war das "Urteil" von einem eingeschleusten Verfassungsschutz-Agenten verfaßt worden mit der kalkulierten Absicht, linke Radikale gegen rechte Rabauken aufzuwiegeln.

Fall Nummer drei: Allein in Hamburg wurden im vergangenen Jahr 270 Schmieraktionen registriert. Der Verdacht fiel sogleich auf die Kühnen-SA; schon hieß es: Die Braunen wüten in der Hansestadt.

Tatsächlich war daran, außer Kindern, in der Hauptsache der geisteskranke Hans-Joachim Bohlmann beteiligt, der auch in Museen und Kirchen wertvolle Gemälde mit Säure zerstört hatte.

1963 sorgte sich der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer: "Wenn Hitler heute in Deutschland erscheinen würde, dann würde er vom deutschen Volk nicht abgelehnt werden. Ich glaube nicht, daß die junge deutsche Demokratie stark genug wäre, ihn abzuweisen. Die bloße Tatsache, daß die Deutschen ihm nicht unmittelbar den Rücken zuwenden würden, wäre für Hitler und seine Ideen ausreichend, in Deutschland im Jahre 1963 einen guten, fruchtbaren Boden zu finden." Wie damals schon, so sind erst recht heute alle, vor allem ausländische Befürchtungen haltlos: Bonn könne doch noch Weimar werden. Selbst jene, die sich in Umfragen für einen "starken Mann", für eine Partei aussprechen, oder dafür, daß der Nationalsozialismus auch seine "guten Seiten" gehabt habe und Juden angeblich schon immer "Unruhestifter" gewesen seien, erblicken Deutschlands Heil nicht in einem neuen Adolf Hitler (siehe Tabelle).

Zum Verfassungsschutzrapport 1976 schrieb Innenminister Werner Maihofer: Der Bericht bestätige, daß der "Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland nahezu bedeutungslos ist. Er ist weiter auf einen sich kaum verändernden Kern zusammengeschmolzen. Dennoch: Die zunehmenden militanten Aktivitäten neonazistischer Gruppen zeigen, "daß auch rechtsextremistische Bestrebungen als Gefahrenherd nach wie vor in Rechnung gestellt und aufmerksam beobachtet werden müssen". Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Hans Josef Horchem, für das Jahr 1977: Der Rechtsextremismus befände sich in einem Stadium des Verfalls, der Lethargie und Resignation; seine vordergründige, perspektivlose und sterile Provokationstaktik könne über seine tatsächliche Ohnmacht nicht hinwegtäuschen. Da die Gruppen und Grüppchen untereinander zum Teil im Konkurrenzkampf lägen, sie zugleich ausschließlich von ihren jeweiligen "Führern" abhingen, fehle es ihnen an jener nur "schwer durchdringbaren Konsistenz, an Solidarität und Verschwiegenheit", wie sie für linksextremistische, terroristische Zirkel typisch seien. Horchems Schlußfolgerung: Der Neonazismus bildet keine politische Gefahr.

Herbert Weichmann kam dieser Tage zu dem nüchternen Urteil: "Der Versuch zur Wiederbelebung eines unverhüllten Nazismus, wie er noch in einigen Köpfen spuken mag, hat in den letzten Jahren nur seine Vergeblichkeit offenbart. Die zu verzeichnenden Gewaltakte sind ein Problem der Polizei, nicht aber der Politik." Und Egon Bahr, der SPD-Bundesgeschäftsführer, fand: Die Bundesrepublik sei "stinknormal".

Spätestens 1964, mit Gründung der "Nationaldemokratischen Partei Deutschlands" (NPD) unter dem DRP-Mann Adolf von Thadden in der politischen Frustrationszeit der Großen Koalition, bestätigte sich ein anderer Befund Carlo Schmids: daß es "bei vielen unter der Schwelle des Bewußtseins noch unaufgeräumte Unratsecken" und "da und dort noch ein seelisches Klima gibt, daß solche Gespenster beruft".

Thadden allerdings, durch Erfahrung mit der SRP und der DRP gewitzt, vermied bei seiner NPD jeden Anschein von Anklängen an Vorstellungen und Vorbilder des Nationalsozialismus im Programm, in der Organisationsstruktur, in der Kleidung. Mit Erfolgen in einer Serie von Landtagswahlen (siehe Graphik) manövrierte er seine Partei der "Ewiggestrigen und Unbelehrbaren" an allen Verbotsklippen vorbei. Sie verkümmerte, nach Führungsquerelen und nach der Ablösung der Großen Koalition durch die sozialliberale Regierung, am Ende doch, scheiterte schließlich in Bonn wie in den Ländern an der Fünfprozentklausel und fristet heute nur nach ein Schattendasein: Von 28 000 Mitgliedern im Jahre 1969, dem Höhepunkt, sind noch 9700 übriggeblieben, vom Verfassungsschutz als "alte Rechte" eingestuft. Im Jahre 1977 verlor sie weitere 1000 Anhänger, stellt aber immer noch die Hälfte aller organisierten Rechtsextremisten.

Zwei Erscheinungen indessen, die den Abstieg der NPD kennzeichneten, wirken verstärkt fort: der gewalttätige Aktionismus und das Engagement Jugendlicher.

Das eine setzte mit der "Aktion Widerstand" ein, die sich mit handfesten Straßendemonstrationen gegen die Ostpolitik der Bundesregierung richtete, gegen "Verrat und Ausverkauf". Den Gruß mit drei hochgestreckten Fingern (ein W bildend) und das damals kreiierte Abzeichen (ebenfalls ein W) haben die Neonazis moderner Couleur beibehalten.

Aus der ebenfalls längst entschlafenen "Aktion", der besonders der Münchner Rechtsausleger und Nationalzeitungs-Verleger Gerhard Frey aktive Schützenhilfe lieh, sind – dies ist das andere Restindiz der abgesunkenen NPD – jene Jugendlichen hervorgegangen, die heute die rechtsradikale Szene der Schläger und Sudler bestimmen. Die "Jungen Nationaldemokraten" (JN), die mit ihrer sterilen Mutterpartei und derem biederen Vorsitzenden Martin Mussgnug in ständiger Fehde liegen, haben als einzige von