Wer heute in Frankreich von der Stahlkrise spricht, denkt an Lothringen: 1974 entfielen auf diese Region 52,7 Prozent der französischen Stahlproduktion, 1977 waren es nur noch 44,4 Prozent. Von den bis Ende nächsten Jahres beschlossenen 16 000 Entlassungen in der Stahlindustrie entfallen allein 13 000 auf die lothringischen Hochöfen und Walzstraßen. Die alte Tradition der Schwerindustrie ist für Ostfrankreich zur Belastung geworden. Hier liegt die Produktivität im Durchschnitt weit unter den Zahlen der Küstenstandorte Fos und Dünkirchen, hier ist die Monoindustrie noch ausgeprägter als anderswo. In den Tälern der Orne und der Fensch werden von einst 27 Hochöfen wahrscheinlich nur zwei überleben. Die Zahl der Arbeitslosen steigt, die von der Regierung versprochenen neuen Industriebetriebe lassen auf sich warten.

Vor genau einem Jahr, als Branchenführer Usinor in Thionville auf einen Schlag 3000 Mitarbeiter auf die Straße setzte, marschierten die Bürger dieser Stadt zu Tausenden durch Paris. Sie konnten nicht verstehen, daß auch Anlagen mit moderner Technologie plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig sein sollten. Seit Generationen hatten ganze Familien in der Schwerindustrie ihr Brot verdient, sie hatten in firmeneigenen Häusern gewohnt, ihre Kinder in firmeneigene Schulen geschickt, wurden in firmeneigenen Krankenhäusern gepflegt. Vor ein paar Jahren hatte die Gruppe de Wendel ihre Leute noch in Fos unterbringen können, Usinor versetzte Mitarbeiter nach Dünkirchen, Doch derartige Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Schon 1963, 1967 und 1971 waren die Lothringer auf die Straße gegangen, um auf ihre Not aufmerksam zu machen. Damals wie heute blieben ihre Demonstrationen ohne Erfolg. Paris hat zwar jetzt jedem Unternehmen, das in Lothringen Arbeitsplätze schafft, Sonderprämien in Aussicht gestellt; doch welcher Unternehmer macht heute schon neue große Fabriken in Lothringen auf?