Unannehmbar– mehr bleiern als eisern, doch gleichwohl unverrückbar legte sich dieses Wort der Regierung in Rom vor die letzte Forderung der roten Terrorbrigadisten, dreizehn meist rechtskräftig verurteilte Gewalttäter freizulassen und so Aldo Moros Befreiung einzuhandeln. War es allein – wie die lakonische Begründung besagte – der Respekt vor der Freiheit aller Bürger, vor der Rechtsordnung und vor den Opfern der Rechtsbrecher, der Italiens Regierung und Parlament daran hinderte, sich auf irgendwelche Verhandlungen, ja auf den geringsten direkten Kontakt mit den Entführern Moros einzulassen?

Gewiß blieb den Verantwortlichen, wenn sie nicht eine Kettenreaktion bürgerkriegsähnlicher Bandenkämpfe und anarchistischer Selbstjustiz in Gang setzen wollten, gar keine andere Wahl. Doch, politische Charakterstärke allein reichte zu solcher Standfestigkeit nicht aus. Sie nährte sich paradoxerweise auch aus dem Bewußtsein einer elementaren Schwäche: Die Italiener, die ihrer politischen Führungsschicht so sehr mißtrauen, würden hinter deren hinhaltenden Erklärungen nicht etwa elastisches Taktieren, sondern nur fatales Feilschen gewittert haben; sie hätten hinter dem Schleier einer Nachrichtensperre nicht klug abwägendes, entschlossenes Verhalten, sondern unsaubere Geschäfte zur Rettung eines Prominenten vermutet – zumal wenn dieser plötzlich freigelassen würde.

Die Terroristen, für die Moros Ermordung wohl von Anfang an lediglich einer der möglichen Schlußpunkte ihrer Unternehmung war, haben vor allem auf diese Schwäche spekuliert. Sie benutzten sie zynisch auch zu Moros seelischer Erniedrigung, ja Vernichtung: Mußte er so nicht in der Grenzsituation seiner Todesangst den Kraftakt der Regierung und der eigenen Partei nur noch als unmoralisches Alibi für deren eigentliche Schwäche betrachten und sich selbst als deren preisgegebenes Opfer? Moros letzter Brief (siehe Seite 8) bezeugt so nicht nur die menschliche Tragödie; dieser Aufschrei dokumentiert auch Italiens politische Misere. hjs.