/ Von Theo Sommer

Washington, im April

Auf leisen Sohlen hat in der vorigen Woche der Frühling seinen Einzug in Washington gehalten. Die Kirschblüte tupfte die Parks am Potomac in wattiges Weiß, die Bäume schlugen aus, Phlox und Forsythien sprenkelten die Stadt mit kräftigem Lila und sattem Gelb, es gab den ersten warmen Regen der Saison. Und nach einem langen Winter des Mißvergnügens beginnt auch Jimmy Carter endlich, Frühlingsluft zu wittern.

In der Tat kann der Präsident nach fünfzehn Monaten des Mißlingens zum erstenmal Erfolg vorweisen. Der Senat hat – wenngleich mit hauchdünner Mehrheit und nicht ohne kühne interpretatorische Verrenkungen – dem Vertrag zugestimmt, der den Panamakanal zum Ende des Jahrtausends aus amerikanischer Oberhoheit entläßt. Der Kongreßbeschluß, den Erdgaspreis freizugeben, weckt die Hoffnung, daß Carters ehrgeiziges Energieprogramm doch nicht ganz im Sperrfeuer der Gesetzgeber zerfetzt wird. Die jüngste Wendung seiner Wirtschaftspolitik, der bei ihm ganz neue Vorrang der Inflationsbekämpfung, hat an der Börse ein Lenzfieber ausgelöst. Zugleich haben die ersten Goldverkäufe aus amerikanischen Beständen dem Dollar Luft verschafft.

Dennoch ist in Washington niemand zum Jubeln aufgelegt. Die letzten Meinungsumfragen belegen, daß Carter ein neues Popularitätstief erreicht hat: nur noch 39 Prozent sind mit seiner Amtsführung zufrieden, nach dem Harris Poll sogar nur 36 Prozent. Einen vergleichbaren Autoritätsverfall hat es im Weißen Haus lang nicht mehr gegeben. Der bittere Witz macht die Runde: "Es sieht ganz so aus, als werde Präsident Carter nur eine Amtszeit lang regieren", bemerkt ein Senator zum anderen. Der andere: "Aber wann fängt sie endlich an?"

Die amerikanische Presse zieht auf eine Weise gegen den Präsidenten vom Leder, die schon fast Mitleid erregt. Nicht nur Konservative teilen den Befund des Kolumnistengespanns Evans und Novak: "Jimmy Carter ist ein Präsident, der keine Anhängerschaft hat – weder bei den Arbeitern noch bei den Geschäftsleuten, unter den Farmern nicht und nichtin den Gewerkschaften, nicht einmal im Süden oder bei einer schweigenden Mehrheit." Selbst James Reston, der menschlichste, einfühlsamste der amerikanischen Kommentatoren, dem regelmäßiger Zugang zum Weißen Haus ein hohes Maß an Sympathie für den Präsidenten erhalten hat, fragt neuerdings bekümmert: "Hat eigentlich einer das Kommando?"

Die Kritik läßt sich auf einen Schlichten Nenner bringen: Die Regierung Carter führt nicht oder nur erratisch. Es ist eine Regierung, die aus lauter losen Enden besteht und keinen roten Faden hat. Sie spricht mit vielen Stimmen. Ihre Prioritäten sind zweifelhaft. Sie überschwemmt das Land mit einer Fülle von Initiativen, die sie dann verwaisen läßt. Carter versäumte es, auf dem Kapitol, in den Medien, bei den Interessenverbänden Unterstützung für seine Pläne zu mobilisieren. Er pflegt seine Freunde nicht und lehrt seine Feinde nicht das Fürchten. Er kümmert sich persönlich umzu viele Details, macht dem Lande aber seine große Vision nicht sichtbar. Er überschätzt die Hebelkraft seines Amtes und nützt doch gleichzeitig dessen Vollmachten nicht aus. Er jagt den Meinungsumfragen hinterher und bringt sich dadurch um das eigene Profil. Er betreibt Instant Politics, will die großen Probleme auf einen Streich meistern, anstatt geduldig Schritt um Schritt voranzugehen.